Von den Kootenay Rockies in die flache Prärie der Great Plains

(unsere Reiseroute)

British Columbia ist die südwestlichste kanadische Provinz am Pazifik und wenn man in die Okanagan-Gegend kommt, die vom Westen aus durch das Kaskadengebirge und von Osten her durch die Rocky Mountains geschützt ist, merkt man schnell, das Kanada auch eine ausgeprägte Wein- und Obstlandschaft hat. Das milde Klima im Sommer und die (trotzdem kalten) Winter schaffen in den langen Tälern und an den Ufern der zig’ Kilometer langen Bergseen eine perfekte Basis für den Weinanbau. Optisch wähnt man sich in Bozen oder am Gardasee – alles ist zugepflastert mit Apfel- und Pfirsichplantagen und dazwischen immer wieder Weinberge. Würden also nicht immer wieder kanadische Flaggen flattern, könnte man fast meinen, in Südtirol angekommen zu sein.

Unsere ersten Einkäufe in Supermärkten und diverse ‚Marktanalysen’ in den Likörstores des Landes ernüchtern eher ganz schnell, die Preise sind hier weit, weit über dem US-Niveau. Lecker Käse wird fast mit purem Gold aufgewogen und der Rebensaft im vorher genannten „Stützpunkt für geistige Getränke“ ist locker doppelt so teuer wie beim südlichen Nachbarn. Na, dann mal Prost! Nun, da müssen wir durch, es gibt schlimmeres, dafür ist das kanadische ‚Beer’ durch die (Biergarten-) Bank besser als die vielen unsäglichen ‚Hauchdünn-Light-Hopfensäftle’ bei Onkel Sam. Die Auswahl an internationalen Bieren ist auch gewaltig größer im Lande des Ahornsirups –äh – Blattes. Wobei man sich hier auch sehr gerne den zuckersüßen Dicksaft auf die pappigen Pancakes (also Pfannkuchen) träufelt, damit die Kalorienbombe ordentlich im Magen detoniert, aber das gibt’s beim nordamerikanischen Frühstück nun mal als Standard. Ab und zu schmeckt das ganz vorzüglich, nur möchten wir es nicht als Standard einführen, sonst entwickelt sich das zulässige Gesamtgewicht zu sehr in den roten Bereich, wie wir bei überdurchschnittlich vielen Kalorienverbrauchern hierzulande erschreckend oft beobachten müssen. Nirgends sonst wohl kann man so viele sehr (und wir meinen wirklich sehr) dicke Menschen sehen wie in Nordamerika, das liegt sicher, oft und gerne an der Art der Ernährung - und das Wort Art steht hier eher nicht für Kunst. Zu viele Mitbürger haben sozusagen ein problematisches Verhältnis zwischen zu kurzer Länge und zu langer Breite. Manche Exemplare können sich nur noch mit Elektrorollstuhlähnlichen Maschinen zwischen Auto, Parkplatz und Einkaufszentrum bewegen und wiegen geschätzte 3 bis 4 Zentner, leider. Das ist dann schon optisch alarmierend und sicher ein fettes Problem der allgemeinen Fastfood-Gesellschaft. Wir versuchen mit Gemüse und Vollkorn etwas entgegenzuwirken, ein Steak ist aber immer mal erlaubt, aber kein Pferdefleisch.

Unser erstes Ziel in British Columbia ist Kelowna und neben Kamloops die größte Stadt zwischen Vancouver und Calgary. Dort hoffen wir endlich einmal auf eine Werkstatt, die uns zusagt, einen (simplen??) Zahnriemenwechsel durchzuführen. Eine - nun schon – fast unendliche Geschichte, gefragt hatten wir in den letzten Wochen schon genug, aber bisher immer Absagen bekommen, weil eben unser (spezielles) Fahrzeug in Nordamerika nicht geläufig ist, improvisieren ist wohl den Zauberern mit den Maulschlüssel nicht erlaubt. Viel Fragerei, Klinkenputzen, Hilfe von Bekannten und dann hatten wir Mitchells Team gefunden, die auch asiatische (wo gibt’s denn so was!!!) Autos ‚behandeln’. Auch dort erst mal Recherche, Ersatzteile gibt es absolut keine und wir verabreden mit Mitchell, dass wir die Wasserpumpe zum Zahnriemenwechsel aus Elbflorenz hierher schicken dürfen - einen Riemensatz haben wir ja dabei.

Und da das 2-3 Wochen dauern kann (Hurra, die Post ist da!!), planen wir eine Rockys-Rundfahrt und einen Besuch bei Freunden von Freunden, denn nur in Kelowna möchten wir nicht warten und nur diverse Stadtrunden drehen. Ein dickes DANKE an Jan Heller von den Münchener Globetrottern, unserem Viel-und-Langreisekumpel vom bajuwarischen Traveller-Stammtisch, der hier in den weiten Wäldern British Columbias Bekannte hat!

Dort dürfen wir mal ‚anklopfen’ und noch dazu wohnt diese Bekanntschaft traumhaft gelegen am Arrow Lake! Ja, einer dieser unglaublich langen, verzweigten, gletscherkalten, klaren Bergseen, die hier das viele hunderte Kilometer lange (!!) Zulaufsystem des Columbia Rivers bilden. Welcher dann, als einer der breitesten Ströme des Nordwestens, viel weiter südlich, in Oregon, als natürliche Grenze zum Washington State in den Nordpazifik mündet. Dazwischen liegt, von zig’ Dämmen gespeist, eines der größten Hydroenergetischen Systeme weltweit mit gewaltigen Stauseen und Stromerzeugern. Columbia. Daher wohl auch der Name der wunderschönen westkanadischen Wald- und Bergprovinz.

Wir düsen mit Esmi über diverse Pässe zu Ingrid und Ray, die uns auf ihren Landsitz (mit reichlich Tieranschluss) freundlich erwarten. Ray stammt gar aus der Oberlausitz/Grenze zu Niederschlesien, aber das ist schon über 60 Jahre her und auch Ingrid spricht gut Deutsch, so können wir „denglisch“ kommunizieren. Die Beiden sind jetzt schon einige Jahre hier am See und das massive, schöne Holzhaus hat Ray selbst neu ausgebaut und wieder toll hergerichtet.

Wir dürfen mit Esmeralda an ihrem eigenen Wohnwagen im Garten stehen. Die hauseigene Schafsherde um die Ecke wird von einem Security-Lama bewacht. Wie bitte? Diese Tiere halten tatsächlich die Herde zusammen und geben Alarm bei z.B. Wolf- oder Bärenbesuch, sie sind ideale Hütetiere. Auch ohne Hut. Deshalb also sieht man hier überall in Kanada zwischen den Schafen auf den Farmen - diese ultrazotteligen Kamelverwandten - zwischen den klassischen „Mäh!- Dreschern“ grasen! Also überall Lamas oder Alpakas, das macht ein bisschen südamerikanisches Feeling im Ahornlande der Queen Elizabeth II.

Unsere beiden Gastgeber bewirten uns gut und wir unternehmen einiges zusammen, Ray macht uns mit Freunden in den Bergen bekannt, dazu donnern wir mit seinem Pickuptruck rauf zu einer urigen Blockhaus-Trapperhütte, wo wir Ted und seine Freundin treffen - die dort ein rustikales Leben führen - fast wie zu den Zeiten von Daniel Boone. Wir testen zusammen eine Berghopfenkaltschale, die ganz und gar nicht schal ist, sitzen am Feuer und hören einige verrückte Geschichten der beiden Originale, während über den Rockys die rotgoldene Sonne untergeht.

Übrigens gibt es tatsächlich noch lizenzierte Trapper hier. Die Erlaubnis (vor allem für die Winterzeit) muss ordentlich beantragt werden. Wir besichtigen Trapperwege- und Fallen und Ray ist hier in der Gegend viel am Jagen. Er kennt sich aus und es gibt sehr viele Bären, Hirsche, Elche, Wölfe und Kojoten hier. Nur wir treffen diesmal gar keine der großen Wildtiere. Die beiden großen Hunde bei Ingrid & Ray verjagen bisher fast alle Bären vom Grundstück.

Klein-Maggie hat vierfachen Nachwuchs und das schwarzweiße Welpenquartett ist zurzeit die quietschende, bellende Attraktion hier und super knuddelig, so dass Heidi am liebsten so ein tapsiges Fellbündel adoptieren möchte. Leider hat Esmi keinen Dachgarten mit Auslauf und eine Mitname der (nur vorübergehend) Handvoll Hund wäre Tierquälerei, denn fast alle Welpen werden mal größer. Oder viel größer. Oder kleine Kälber, sabbernde Vielfraße, haarende Krawallmacher – oder Briefträgermordende Beißmaschinen Lachend aber nur bei falscher Pflege, natürlich. Oder aber auch supernette Hunde. Aber doch nicht so richtig ernst gemeint, dass mit dem ‚Junge Hunde kriegen“.

Wir besuchen mit Ingrid und Ray die Logger-Routen (Trassen der riesigen Roh-Holz-Trucks) und die historische Arrow Lake Community am anderen Ufer des Sees. Hier wurde vor über hundert Jahren zum großen Silberboom schon gesiedelt. Die britische Krone hat hier an die europäisch-stämmigen Siedler reichlich Parzellen verteilt. Jetzt ist vieles wieder verlassen, die alten Wege zugewachsen, das neue Silber ist heute das Holz des Waldes. Aber es wird (hier zumindest) auch wieder aufgeforstet, das können wir glücklicherweise feststellen. Die Wälder sind hier teils schon so gigantisch, dass manche europäischen Zwerg- und Mittelstaaten locker reinpassen würden. Für neues Holz und einen geregelten Einschlag sollte schon gesorgt sein, nicht immer geht da alles zusammen und man hört immer wieder von Demonstrationen, vor allem seitens der (noch vorhandenen) Ureinwohner für besseren Schutz dieses riesigen Naturschatzes. Auch im heutigen Kanada ist nicht alles eitel Friede, Freude, Eierkuchen und wie bereits im Vorfeld vermutet gibt es auch hier reichliche gesellschaftliche Differenzen, Einwanderungsprobleme und auch eine zunehmende Kriminalität dadurch. Hier auf dem Lande sicher nicht so extrem wie z.B. in der Multi-Kulti-City Vancouver, aber doch steigend in der Tendenz.

Die Ufer-Wege an den Seen hier sind sehr lang und einige Fähren verkürzen die sonst unmachbar weiten Strecken. Die größeren Autofähren hier in den Kootenays sind tatsächlich alle kostenfrei und verkehren regelmäßig von Sonnenauf- bis Untergang.

Wir besuchen mit Ingrid natürlich auch die regionale ‚Metropole’ Nakusp, ein kleines Kreis-Städtchen, würden wir bei uns sagen, wichtig vor allem im Winter für die notwendigsten Einkäufe. Ray grillt für uns alle abends mariniertes Lamm und es gibt Kootenay Bier zum Spülen, das alles mit traumhaften Blick auf das Grundstück der Beiden und den unweiten Arrow Lake.

Nach einigen sehr schönen Tagen bei den Beiden zieht es uns weiter auf unsere Runde durch die Berge, nochmals Danke für eure Gastfreundschaft, das war eine interessante und überraschende Bereicherung unserer Reise durch Amerika, in dem Falle speziell natürlich Kanada!!!

Unsere Rundtour durch die Kootenays startet in Nakusp und geht über das kleine Städtchen New Denver, wo – gelinde gesagt – nicht viel los ist, dann schon eher gleich eine ‚richtige Ghosttown’ aufsuchen!

Auf nach Sandon!! Ein wenig versteckt und abseits gelegen, war Sandon vor ca. 125 Jahren mal einer der Dreh- und Angelpunkte des wilden (Nord-) Westens. Die dortigen Silberbergwerke hatten tausende Glücksritter angezogen und es war Ende des 19. Jahrhunderts eine florierende Stadt mit Saloons, Bordellen, einer Eisenbahnlinie und einer Schule. Heute schleicht (oder flattert) der Geist der alten Zeit durch die windigen Rest-Straße des musealen, historischen Nestes.

Viele Häuser aus der Gründerzeit stehen nicht mehr. Immerhin hat das älteste noch funktionstüchtige, tatsächlich arbeitende Hydro-Elektrische Werk Kanadas dort überlebt und im Maschinensaal dreht sich alles wie vor 100 Jahren mit stählerner Perfektion. Wir haben mal Glück und kommen grade zurecht, während der Cheftechniker (ein herrliches Original, optisch ein Modell zwischen James Watt und dem älteren Neil Young) grade das brummende ‚Heiligtum’ aufschließt, um seinen Kontrollgang zu machen. Er sieht uns kommen und lädt uns ein, das Maschinenhaus zu besichtigen. Die Turbinen laufen durch Wasserkraft und das Equipment, die Anzeigen und die Werkzeuge sind ein komplettes, sehenswertes, technisches Museum. Alles ist bestens gepflegt und ordentlich hier, wir sind erstaunt und begeistert.

Sonst gibt es ein weiteres historisches Museum hier und einen alten General-Laden, sowie reichlich alte Klamotten. Also gemeint sind eher alte Maschinen & Teile – unsentimentale Gemüter könnten den Rest von Sandon auch als großen Schrottplatz bezeichnen. Hier in British Columbia aber, ist die (fast-) Geisterstadt mit minimalen Restleben, umherirrenden Rehen und Hirschen oder Kojoten und vielen oxidierten Alteisen eine erstklassige Besucherattraktion. Die Gäste kommen bis aus den kanadischen Atlantikprovinzen hierher (und ein paar Verrücke sogar bis aus der deutschen Oberlausitz…). Wir hatten hier oben sogar einen tollen Nachtplatz gefunden, eben mit Rotwildbesuch.

Die Kleinstadt Kaslo ist ebenfalls durch die alten Gold- und Silberrauschtage ‚groß’ geworden. Bekannt auch durch das größte Schaufelraddampfschiff seiner damaligen Zeit, die „S.S. Moyie“, welches heute als Museumsschiff hier für ‚längere Zeit’ angelegt hat. Das in Toronto gebaute Schiff wurde 1898 in Einzelteilen per Eisenbahn nach Vancouver gebracht (weiter mit LKWs), hier zusammengebaut und transportierte 59 Jahre lang Passagiere und Fracht über den Kootenay Lake. Die „S.S.Moyie“ ist der heute älteste, intakte „Passenger-Sternwheeler“ (wie man hier für den Schaufelraddampfer sagt) seiner Art in der Welt, da sind die Kasloer Bürger mächtig stolz drauf.

Bei Balfour gibt es wieder eine unverzichtbare Fährpassage über die Kootenay Bay rüber zu schippern. Die sehenswerte Strecke ist über eine halbe Fahr-Stunde lang, ca. 20 Kilometer, landschaftlich super und – auch kostenlos, sagenhaft. Ein kleiner, aber feiner, positiver Ausgleich finanzieller Art für unsere Reisekasse im sonst sehr teuer gewordenen Kanada.

Das trifft vor allem auf die Dienstleistungen, Übernachtungen (wer welche braucht) und die allgemeinen Lebensmittel zu. Die Preise der Parks und Attraktionen haben gewaltig angezogen – hier mehr als der internationale Durchschnitt. Auch Hotels/Motels unter 100 (!!) Dollar pro Nacht/Zimmer sind im Kanada unserer Tage kaum noch zu bekommen. Das haut rein, die Bezahlungen/das Lohnniveau hier sind allgemein gut – daher der heftige Preis. Man kann zu den Lebenshaltungs- (und –Mittel) Preisen des südlichen Nachbarn, Onkel Sam meist noch einmal 50% drauf legen, der besseren Umrechnungskurs des Euro zum kanadischen Dollar ist schon mal mit eingerechnet.

Wir sind heilfroh, dass wir unsere treue Esmeralda haben und schlagen uns nach Möglichkeit auch mal in die dichten Wälder der schönen Gegend. Besser geht’s kaum und man hat seine Ruhe, selbst auf Campingplätzen geht es oftmals zu wie auf dem Jahrmarkt – und eine infernalisch röhrende Lokomotive auf der unbedingt direkt daneben liegenden Eisenbahnlinie ist fast immer mit inklusive - bei den offiziellen Freunden von Womos und Zelten, Langzeitcampern und Mobil-Home-Bewohnern. Wir haben mitbekommen, das man Zeltplätze (weltweit) fast immer in der Nähe von brüllenden Landebahnen diverser Hobby- oder Profi-Airports baut, oder an extrem belebten Plätzen, Straßen und manchmal auch idyllisch an Industrieanlagen, eine Bahnlinie aber sollte Pflicht sein. Und da es so viel Kilo Ohropax selbst in der Walmart-Großfamilienpackung gar nicht geben kann, suchen wir uns lieber nach aller Möglichkeit einen wirklich abgelegenen Platz in der Natur. Manchmal findet sich eine stille Lichtung oder ein Seitenweg, besser der Seitenweg eines Seitenweges (!) wo wir niemanden stören, außer vielleicht einen Brummbären – aber Begegnungen dieser Art halten sich bisher in Grenzen. Man sollte nur z.B. Lebensmittel und Abfälle nie um sich im Wald verteilen und eine gewisse Vorsicht bzw. Respekt vor den großen wie kleinen Tierchen haben, dann geht alle klar. Und nie vergessen: Take Only Photos – Leave Only Footprints! Wir versuchen uns immer dran zu halten.

In Radium Hot Springs testen wir die gleichnamigen, heißen Quellen und lassen uns durchgaren. Die Beckentemperaturen um 39 Grad sind echt genug des Guten und nach mehreren Durchgängen im Thermalwasser ist man gar und groggy wie nach einer 20 km-Wanderung.

Etwas weiter nördlich kommen wir wieder auf den berühmten Trans-Canada-Highway und fahren über das Städtchen Golden gen Westen, überqueren am ‚Rogers Pass’ den Summit im „Glacier National Park“ und beobachten relativ zahme Murmeltiere und fotografierende Japaner beim Sonnenbaden am Visitorcenter des Parks. Hier sieht man sofort wieder viele internationale Gäste mit Reisebussen, da sind die etwas versteckten Naturpfade in den Kootenay Rockies fast ein Geheimtipp für ruhigere Tage.

Nach dem Massiv des Mount Revelstroke geht es für uns wieder in Richtung Kelowna, denn in Vernon erfahren wir, dass die postalisch geschickte Wasserpumpe endlich in der Werkstatt angekommen ist. Nach reichlich zwei Wochen, deutschen Poststreik und wahrscheinlich 12 arg verschlissenen Schnelleseln, die auf dem Landweg vom Post-Verteilerzentrum Mississauga im Osten Kanadas so lange durch den Kontinent getrottet (und 1.233 Möhren verbraucht) haben, um das kleine Packerl über dem Umweg (??) südlich von Vancouver dann wieder östlich nach Kelowna zu wuchten. Tröööt!! (Posthorn!) Genauer ausgedrückt: Ihhh-aaah!

Wir machen alles klar mit Mitchell und seinem Diesel-Techniker und Esmi wird ein neuer Zahnriemen verpasst (eigentlich sind es ja zwei!), natürlich mit neuen Original-Umlenkrollen. Über die Wasserpumpe scheiden sich die verschiedenen bzw. mehrfach angefragten Mitsubishi-Fach-Geister. Wir lassen die ‚alte’ Pumpe nach 174.000 Kilometern mit wechseln, sicher ist sicher und alles noch einmal raus wäre Unsinn – gerade hier im Ersatzteillosen Land für den Exoten L 200 Turbo Diesel. Dann ist unsere Reiseschildkröte wieder fit, es geht ostwärts mit uns.

Wir passieren den für uns höchsten Punkt der Rockys-Kette am 1.774 Meter hohen Kootenay-Pass, das ist normalerweise kein Problem, aber momentan hat es hier täglich 37-40 Grad Celsius und da wird das schwer arbeitende Fahrzeug gewaltig heiß! Schließlich wiegt nur unsere Kabine über 1.000 kg und zieht das ganze schon sehr nach hinten/unten.

Bei langen, steilen Anstiegen und unnormalen Temperaturen heißt es dann, die heiße Luft volle Pulle aus dem Motorraum aus dem offenen Fenster ableiten, auch wenn es drinnen dann gemütlich warm wird. Esmi schafft den Pass, 40 Grad ist für das südliche British Columbia im Juni aber doch 15 Grad zu heiß, sagen die Eingeborenen. Der nächste, der Crownest-Pass mit 1.340 Metern ist dann schon kein Problem mehr.

Wir erreichen dort inmitten malerischer Berglandschaft die Provinz Alberta. Nach überqueren des südlichen, kanadischen Rocky Mountains Hauptpasses ändert sich die Szenerie gravierend – aus einem riesigen Steinhaufen wird schnell ein platt gewalztes Waschbrett von der imposanten Größe eines halben Kontinentes.

Die Landschaft öffnet sich und die wirklich fast unendlichen Weiten der nordamerikanischen Prärie leuchten uns entgegen, mit allen Vor- und Nachteilen. Ist man also über die Rockys drüber, wird Alberta im Süden und Südosten flach wie die Meck-Pomm-Seenplatte, nur das alles verläuft hier auf den geschätzten Höhenniveau von 700-800 Metern, das dann aber durchgehend bis rüber nach Ontario.

Mal schnell rüber heißt in dem Falle schon mal 2.500-3.000 Kilometerchen Dauer-Deja-Vu, leicht hügeliges Grasland, die weitesten Getreidefelder, die man sich vorstellen kann, sowohl in Kanada, als auch in den Great Plains der USA von Ostmontana über North & South Dakota, Nebraska bis rüber nach Wisconsin und Illinois.

Abgesehen von der ‚Tornado-Allee’ gibt es hier auch weitere gefürchtete, oder auch nervige Wetterphänomene in dieser beeindruckenden wie beängstigenden Riesenebene. Im Sommer toben vor Ort immer wieder mal eine ganze Bande von Gewittern, die eher nicht ‚Light’ sind, und sich manchmal Stunden – oder besser gleich die ganze Nacht von Horizont zu Horizont durchrumpeln. Das dann auch gleich einmal mehrere Tage (oder besser Nächte dazu) hintereinander. Von Schlafen kann dann kaum noch eine Rede sein, es kracht im Dauerfeuer und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Als es dann endlich etwas ruhiger oder auch geringfügig kühler wird, passieren wir ein anderes, möglicherweise örtliches Phänomen: Es wird so drückend diesig, so fett grau, dick, waschküchenähnlich feuchtwarm-schwül über mehrere Tage und dies durchgehend überall auf 1.500 km Weg. Was für eine komisch-fette, fast greifbar-klebrige Masse, gemixt mit hoher Luftfeuchtigkeit drückt das schon auf die Lunge. Wir meinen fast, wir haben vorübergehend den Heimatplaneten verlassen und sind irgendwo zwischen Vulkanien und dem Graunebelbombenmond ‚Diffusis’ unterwegs. Aber Esmeralda rollt und ein kühles Bier gibt es auch noch in unseren Expeditionskisten, also ist alles in bester Kräuterbutter.

Wäre man in LA, oder Sao Paulo, oder Peking bzw. Shanghai, so würde man dieses klebrig-fett-graue Wetter sofort als Smog bezeichnen. (Heißt hier auch so, rein meteorologisch, erfahren wir dann) aber – man erwartet weit, weit jenseits von Industriegiganten und Millionen-Autoballungsgebieten kein solches „Wetter“!

Der kaum zu sehende Horizont verschmilzt mit dem bleifarbenen Himmel, die Straßen wühlen sich meist schnurgerade ins unklare ‚Nichts’ und an Bauwerken sieht man, auch später in der Provinz Saskatchewan, meistens nur Kornspeicher, Siloanlagen- und –Türme, kleine Seen & Teiche mit Moskitofüllung. Die überall gegenwärtige, rumpelnde Pacific-Railway-Linie mit ihren 500 bis 700 Meter langen Güterzügen und mit insgesamt drei bis sieben Lokomotiven, vorne, dazwischen und als „Schieber“ noch einmal hintenan, ist auch immer in Sicht- bzw. Hörweite.

Viele der Orte wirken einsam (so auch das kleine Örtchen Lang, wo wir einen Frühstücksstopp manchen), weil fast ganz verlassen. Die Leute in Saskatchewan sprechen einen uns gar unverständlichen Slang, der hart, herzlich, aber weit am „Main-englischen“ vorbeigeht. Wir müssen die Eingeborenen mehrfach fragen, weil sie beim Sprechen den Mund eher kaum öffnen oder ohne 5 Pommes Frites zwischen der Kauleiste nichts Bedeutendes mitteilen möchten, eine örtliche Angewohnheit, wahrscheinlich.

Das Landschafts-Bild nach dem 42. Horizont ist dasselbe wie das vor 4 Tagen oder 7 Stunden. Es ist eine erstaunliche, aber auch eigenwillige Gegend, wirklich sehr schwer zu beschreiben, wenn man es nicht selbst erlebt. Keine Berge, kein Meer, kaum Orientierungen, Markantes, Nennenswertes, Merkenswertes – und: Fotografierenswertes, da das „Graunolin-Smogwetter“ die letzten Tage alles in einen surrealen Schwarzweiß-Film taucht. Deshalb haben wir auch nicht so viele Bilder davon, einige schon, und ein Bild in der Erinnerung im Kopf, das auf seine spezielle Weise auch unvergesslich ist, aber sehr eigenwillig. Muss man mögen, einsam ist’s schon und nach den unglaublich abwechslungsreichen, geologisch sensationellen Landschaften der Canyons und Vulkane eher etwas langweilig. Aber wirklich nicht unschön, nur gewöhnungsbedürftig unwirklich, um das mal so zu sagen.

Wir sind sicher noch eine ganze Weile in den „Great Plains“ unterwegs, werden aber vielleicht unsere Pläne in Richtung Ostküste doch noch einmal überdenken. Es gibt in der ‚großen Mitte’ (weiter südlich) noch so viel Neues für uns zu entdecken. Und die neue Wasserpumpe macht noch ordentlich ihre Arbeit… Auch hier noch einmal ein dickes Danke an Kerstin und Andreas nach Dresden für das schnelle Abschicken!!

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