Auf nach Guanajuato!

(unsere Reiseroute)

Als Tagestrip mit dem regionalen Bus können wir sogar mal unsere Esmi bei Hans am Camp stehen lassen. Die meisten großen, bzw. bekannten Orte sind hier gut mit Überlandbussen verbunden, allerdings sind die Busbahnhöfe meist etwas außerhalb der Metropolen gelegen, aber dafür sind die Preise mexikanisch günstig.

Der Ort Guanajuato liegt spektakulär in einem Gebirgskessel auf ca. 1.950 Meter Höhe. Die weit ausufernde, ebenfalls relativ alte Siedlung (gegr.1546) ist seit dem Jahre 1988 Weltkulturerbe und eine der buntesten und chaotisch-verrücktesten Häuseransammlungen, die wohl je (ganz eng) in ein lateinamerikanisches Bergmassiv gekleistert wurden. Teils wirkt die Stadt wirklich wie ein Schwalbennest und auch wie ein bunter Ameisenhaufen aus vielen, farbigen Legosteinen, die ‚Riesenhände’ hier in einem Anfall von kreativer Bauwut angeordnet haben. Sehenswert!

Ein Blick vom schön gelegenen Aussichtspunkt zeigt das ungefähre Ausmaß dieser Bergbaustadt, die immer noch überall unterhöhlt, von alten Silber-Stollen und Tunneln durchlöchert ist wie ein Ameisenbau. Überall im Ort verschwinden stark befahrene Straßen im Untergrund und auch viele Fußgängerwege und Zufahrten sind mit den alten Bergbauschächten verbunden. Obenerdig befindet sich ein buntes Ensemble von prächtigen alten Herrenhäusern, eine alte Universität, Kirchen und eine Kathedrale aus der Kolonialzeit. Neben Havanna und Mexiko Stadt war Guanajuato Anfang des 19. Jahrhunderts die drittgrößte und -reichste Stadt des Subkontinents. Und eine DER legendärsten Silberstädte Lateinamerikas. Heute ist die Provinzhauptstadt immer noch ein bunter und vielfältiger Ort zum Staunen und Entdecken, ein sagenhaftes und fast unerschöpfliches Fotomotiv in vielen Variationen.

Wir ziehen wie im Rausch stundenlang durch die Straßen Guanajuatos und erleben hier (und auch in San Miguel) endlich mal wieder ein anderes und positiv erscheinendes Mexiko, als an so vielen anderen, leider echt trostlosen großen wie kleinen Orten vorher.

Es gibt einen Steilaufzug zum Aussichtspunkt, mit herrlichem Blick über die gemischten tausend Farben von Guanajuato. Weiter unten eine vollgepackte Markhalle und eben überall verschwinden die Straßen und Gassen in Schächten, Stollen und Tunneln. Mal ist es ein Piccolo-Höhlchen und mal kann auch ein großer Stadtbus da drin verschwinden. Man sollte sich nur etwas auskennen, sonst steckt das Fahrzeug fest! Die „fahrenden Kegelbahnen“ (wie uns manche nordamerikanischen Riesenwohnmobile manchmal erscheinen) – hätten hier gar keine Chance und würde wie ein Korken in der Flasche steckenbleiben.

Natürlich muss man auch hier, wie überall an/bei den aztekischen, toltekischen und –Maya-historischen Sehenswürdigkeiten dieses Riesenlandes aufpassen und mit einer gesunden und vernünftigen Vorsicht unterwegs sein, ganz klar. Aber es ist schon ganz anders hier als z.B. aktuell im ehemaligen Jetset- und Urlaubs -“Paradies“ Acapulco, wo man nur noch mit Massen extrem aggressiver und korrupter Polizeistreifen konfrontiert wird und dazu überall präsentes Militär, wie in einem Kriegszustand.

In Guanajuato brodelt das bunte Leben und man kann sich vorstellen, hier auch mal einige Tage (oder Abende) zu verbringen, so viele Kneipen, Bars, Ausstellungen und historische Bauten gibt es. Für uns geht es am späten Nachmittag wieder zurück nach San Miguel de Allende. Denn: Die nächsten Tage gibt es dort ein Riesenspektakel zu erleben.

Dank der Info von Joachim, der ja hier schon länger residiert, haben wir erfahren, dass am kommenden Wochenende, schon am Freitag beginnend, eine große, sehr farbenfrohe Fiesta der Nachkommen der aztekischen Ureinwohner veranstaltet wird und so haben wir unseren Aufenthalt hier in SMA um einige Tage verlängert. Dieses sehenswerte Ereignis lassen wir uns nicht entgehen. Vor allem Freitag und Sonntag gibt es große Umzüge (der verschiedenen Stammesgemeinschaften) durch SMA, die meist barfuß, aber in voller (Feder-) Pracht und begleitet mit fast ohrenbetäubenden Trommelfeuern tanzend durch die Straßen ziehen.

Klar, dass die gesamte, internationale „Reise- und Abenteuerbelegschaft“ des Campings von Hans Weber auf den Beinen ist. Alles wartet schon am Vormittag auf die Tänzer, buntbemalten Krieger, Musiker und imposanten Häuptlinge oder Schamanen in vollem Aufzug. Natürlich belagern auch reichlich andere Touristen, Reisende und Fotografen (auch gerne alles in einem) die zentralen Plätze im Zentrum um einen guten Blick auf das bunte Spektakel zu bekommen. Man hört auf einmal einen Mix aus dutzenden, verschiedenen Sprachen oder Dialekten, was in den letzen Wochen für uns eher selten war. Auch wenn man viel rumgekommen ist, weltweit so manches schönes, unglaubliches oder verrücktes erlebt hat, was hier in den nächsten Stunden in San Miguel de Allende tobend durch die Straßen zieht, beeindruckt uns schon sehr.

Die verschiedenen Trommler-Gruppen lassen ein Stakkato, ein infernalisch wummerndes Getöse los, dass man die schön arrangierten Gitarren- und anderen Saitenspieler der Azteken gar nicht mehr einzeln heraushören kann. Sie sind hier ‚nur’ ein optischer Eindruck dieser bunten Welle aus tausenden von prachtvollen Kostümen, Federschmuck und sich scheinbar in Trance tanzenden Akteure.

Immer neue Gruppen tauchen auf und man weiß teilweise nicht, wohin man schauen soll. Es gibt Fotomotive wie kaum je vorher und alle sind froh, dass wir hier bei diesem Spektakel nicht mehr auf die ‚alten’ 24er oder 36er Foto-Filme angewiesen sind. Man fühlt sich tatsächlich versetzt in eine andere Zeit, so stark, so deutlich wirkt der mystische Zauber der Trommeln und Farben, der sich hier entfaltet, dazu bietet diese außergewöhnliche, historische Stadt eine wirklich fantastische Kulisse. Stundenlang können wir die Umzüge bewundern und es wird auch Stunden, vielleicht eher Tage dauern, um die vielen Fotos zu verarbeiten.

Die Hauptdarsteller dieser gewaltigen Fiesta tanzen sich selber und auch die staunenden anwesenden Zuschauer regelrecht schwindelig. Mal wild und verrückt, mal aber auch nach einer geübten Choreographie, allerdings ist es meist ein interessanter Freistil der Bewegungen und Abläufe. Und auch einige Kinder sind dabei, versuchen, ihre erfahrenen Vorbilder nachzuahmen, früh übt sich…

Und die Trommeln scheppern und dröhnen uns noch Stunden später in den Ohren, als wir schon wieder bei Hans am Camp sind und uns die (in Mexiko äußerst seltene, traumhaft luxuriöse!) heiße Dusche über den staubigen Skalp rieseln lassen. So etwas gibt’s nur hier, meist sind die ‚sanitären’ Anlagen, unterwegs im Land der Sombreros so schlecht, kaum vorhanden oder gruselig eklig-dreckig, dass wir unsere eigene, Mini-Flugzeug-Toiletten-Dusche im Bauch von Esmeralda den senil-verrosteten Armaturen der wenigen Campings vor Ort vorziehen. Denn meist wird, was einmal installiert, nichts gewartet oder repariert.

Nach fast 2 Wochen an diesem sehr speziellen Ort geht auch für uns die Reise mal wieder weiter, nach Norden, wir verabschieden uns von den sechs, sieben Teams, die hier momentan auf Hans Webers Camp stehen. Wir haben uns angefreundet und einige, nützliche Infos ausgetauscht und auch einen Kaffee oder das eine oder andere Bier zusammen getrunken. Vielleicht sieht man sich an einem anderen Platz auf dem amerikanischen Kontinent wieder. Für manche geht der Weg nach Süden, aber unser nächstes, größeres Ziel ist ca. 950 km im Norden die Grenze zum US-Bundesstaat Texas. Also auf in Richtung Monterrey, der Frühling ist in Sicht.

Danke für neue Spieleideen, -nachmittage und reichlich Plauschrunden an Fränzi & Richi, Heidi & Werner, Bärbel & Ulli, Christa & Stefan, Klaus-Peter, Patti & Ralf, sowie Bärbel & Joachim mit Ihrer Panamericana-Info

Eine vierspurige Verbindung gibt es fast bis rauf zur US-Grenze und der Weg führt durch trockene, graubraune Wüstengebiete. Am Horizont ziehen sich kahle Bergketten dahin und das Höhenniveau bewegt sich immer noch auf 1.850 bis 2.000 Metern, bis es dann bei der Industriestadt Monterrey auf 600, später 400 Meter abfällt. Um Monterrey wird Mauttechnisch noch einmal voll zur Kasse gebeten, aber diese Umfahrung lohnt sich und ist in dieser Region auch gut ausgebaut und erscheint recht neu und intakt. Im Großraum Monterrey merken wir, dass viel Schwerindustrie aus den USA aus Kostengründen hierher ausgelagert worden ist. Viele Trucks mit texanischen Kennzeichen und auch aus Kansas oder Oklahoma sind hier unterwegs. Gigantische Stahlhüttenwerke, Metallverarbeitung und Chemieindustrie bedeckt quadratkilometerweit die Region. In Zusammenhang mit dem recht einfach (um das mal vorsichtig auszudrücken) wirkenden Behausungen der zig-tausenden Industriearbeiter macht Monterrey nicht gerade den Eindruck eines Luftkurortes. Eine grau-braune Glocke Abgas überzieht den Talkessel um die Millionenstadt.

Wenn man begeistert von den ‚alten’, amerikanischen Truckerfilmen der 1970er oder 1980er Jahre ist, dann wundert man sich schon heute in den USA, wie sich das Straßenbild seitdem geändert hat. Die klassischen „Macks“ mit ihren imposanten Doppelauspuffrohren sieht man kaum noch, denn die sind abgelöst durch weit stärkere, modernere, auch deutlich leisere Modelle und durchgestylt und modern, eher fließend und bunt wie Joghurtbecher, nicht mehr so sehr viel Chrom wie vor 30 oder 40 Jahren auf der Route 66 und anderswo. Schöne Ausnahmen sind natürlich immer zu bewundern und bei Klassikertreffen oder -fahrten auch die volle Pracht der Oldtimer. Aber alles alte, verbrauchte, was der riesige, amerikanische Markt in den letzen 50 bis 60 Jahren so ausgeworfen hat und im Norden eher kaum noch durch die Lande brummt, sieht man als zeitloses Modell südlich des Rio Grande zu tausenden wieder. Hier sind sie alle!! Manchmal durch dicke Rauchwolken verschleiert, am Berg kurz vor dem k.o. stehend, wurden und werden die ausgedienten Trucks nach Lateinamerika gebracht, wo sie – wie die alten Straßenkreuzer auf Cuba – noch 20mal repariert und aufgepäppelt werden. Genauso die alten Schulbusse, die ehemals klassisch gelben Gefährten werden allerdings in Lateinamerika oft bunt umgespritzt und brummen bis runter nach Panama weiter und weiter und weiter… Das erinnert uns stark an eine Region im Herzen von Europas, wo die alten oder ‚geschrotteten’ Vehikel zu tausenden über die polnische oder tschechische Grenze gebracht werden, mit Ziel mittlerweile weit östlicher oder südlicher. Und das oft auch bei neueren Modellen, ohne dafür zu bezahlen (!!!)

Das letzte Stück durch den Bundesstaat Tamaulipas, Mexiko lässt noch einmal alles raus, was es an sehens- und spürenswerten Straßenschäden zu bieten gibt. Nahezu schlagartig nach Erreichen dieser etwas problematischen Provinz sind die wenigen Tankstellen außer Betrieb, auch die Ausschilderung in Nuevo Laredo auf mexikanischer Seite ist ganz schlecht. Der Straßenbelag ist durch den LKW-Verkehr stark zerstört und die Löcher schon echt gefährlich. Wir denken gerade speziell an Motorradfahrer, die sich hier bei diesem Gruselbelag und der geringsten Unachtsamkeit ganz schnell mal überschlagen können, unterwegs sind ja auch hier immer wieder mal welche. Wir erreichen den mexikanischen Grenzort aber ohne Unfall und versuchen erst mal vergeblich Diesel zu bekommen. Der Tank ist fast total leer und wir verfahren uns zu einer ‚falschen’ Grenzbrücke, wo wir mit der hier allseits bekannten Gewalt von mehreren, mit „großkalibrigen Denkanstößen“ bewaffneten ‚Pistoleros’ zurückgeschickt werden und finden dann mit den vorletzten Schluck doch noch eine funktionierende Tanke. Gerade so. Wir (müssen/sollen) den übervollen „Stadtübergang“ nach Laredo/TX nehmen. Die Ausreise aus Mexiko findet gar nicht mehr statt und so sind wir rauf auf die Brücke und raus. Die mexikanische Polizei winkt alles ganz schnell durch.

Wir sind froh, trotz allem gut hier überall durchgekommen zu sein und warten auf die amerikanischen Grenzformalitäten, die da noch kommen und alles übertreffen, was wir bisher an Schikane und Kontrolle je erlebt haben, doch dazu im nächsten Teil.

Ein Fazit zu so einem umfangreich wie verrückten Land wie Mexiko zu schreiben, kann nur eine persönliche und spezielle, individuelle Einschätzung sein. Und eine Momentaufnahme.

Die tropische Halbinsel Yucatan mit ihren gewaltigen Mayastätten, der historische, zentrale Hochlandbereich mit seinem Kolonialstädten und auch die wildschöne, 2.000 Kilometer lange Baja California haben uns als Landschaft und kulturell sehr gut gefallen und haben auch ihrerseits einige (relativ sichere) Plätze zum verweilen zu bieten. Wir haben bei drei Reisen 2006, 2014 und 2015 durch dieses Land weit mehr gesehen als das, was man als Urlauber in den touristisch erschlossenen Gebieten dieses Riesenlandes geboten bekommt, die 70-80% dazwischen sind aber nochmals ganz (bedrückend) anders. Geschätzte 15.000 Kilometer haben wir dabei mit 2 Fahrzeugen zurückgelegt.

Die Infrastruktur, speziell die Straßen in Mexiko, bringen Fahrzeuge und auch Nerven oft an den Rand der Zerstörung. Das Land ist sehr arm, auch wenn man das vorher ahnt oder weiß, erschlägt den interessierten Reisenden oft die harte Realität on the Road. (Oder eben las Carreteras).

Man meint, Mexiko könnte sich auf Grund seines fruchtbaren Klimas absolut unabhängig versorgen und seine Nachbarn locker noch mit. In den Städten gibt es alles reichlich zu kaufen, in den ländlichen Regionen aber sieht es fast überall drittweltlich aus. Es erinnert manchmal an unterversorgte Gebiete im Süden des afrikanischen Kontinentes. Es fehlt das Geld, das leider auch in Mexiko immer auf den sogenannten „großen Haufen“ fließt. Korruption halt überall. Die Kraft und Zukunft Mexikos wird seit Jahren für den Kampf gegen die organisierte Drogenkriminalität verballert, der aus diesem Grunde versiegende Tourismus fehlt dem Lande extrem! Wenn halt überall auf den Straßen absolut nur tausende fette „Topes“ oder Achs-Brechende „Reductoren“ helfen, um zu hohe Geschwindigkeiten zu drosseln, keine Gesetzte oder Strafen helfen, sagt das unserer Meinung nach einiges über die Mentalität südlich des Rio Grande aus, und das macht schon nachdenklich. Oder anders:

Mexiko könnte sooo schön sein!

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