Rund um den Lago de Atitlan

Man könnte fast meinen, unsere Wiese vor dem Azul-Hotel wäre ein perfekter Stellplatz, aber viel mit ‚draußen sitzen’ ist es hier auch nicht. Es gibt schließlich „fliegende Blutegel“ der gemeinsten Art und das in Massen. Die kleinen Viecher sehen zwar nicht wie Egel aus, sind eher rund, viel kleiner, aber diese Beißfliegen saugen/fressen sich in Sekunden durch die Haut und wenn man sie zu spät bemerkt, hinterlassen sie wie beim Egel einen Faden Blut und tiefe Narben, die dann vor allem die Beine bis zu 2 Wochen schmücken und schwer verheilen. Lecker! Alles, was Blut in sich trägt und bis zu ca. 50 cm Höhe über dem Rasen ist, wird angegriffen. Nur in Esmeralda sind wir davor relativ sicher, aber dafür müssen wir auch alle unsere Fliegengitter/Fenster „überarbeiten“, denn durch die normale Fliegengitter kommen diese nervigen Viecher durch.

Einer der sehenswertesten Märkte in Guatemala ist der Sonntags- oder Donnerstagsmarkt in Chichicastenango, auch von den Einheimischen kurz ‚Chichi’ genannt. Überhaupt kürzen die Guatemalteken ihre teils sehr langen Ortsnamen selber meist gerne ab und so wird aus Panajachel kurz ‚Pana’. Chichi liegt einige hundert Meter höher in den Bergen und ist von ‚Pana’ aus gut mit dem Minibus erreichbar. Wir sparen Esmi die vielen Serpentinen rauf und runter und machen mal einem Tagestrip draus. Für 12 Dollar oder 95 Quetzal ist man dabei. Wir sind schon nach 9 Uhr morgens vor Ort und haben bis nachmittags halb 3 Uhr Zeit für dieses unglaublich bunte Spektakel.

Gleich nach Ankunft kann man an der weißen Kathedrale, mitten im Markttreiben, eine interessante Prozession beobachten. Die Häuptlinge der umliegenden Maya-Stämme kommen zwischen 9 und 10 Uhr bunt geschmückt und in Weihrauch geschwenkt Zwinkernd aus dem Gotteshaus (Guatemala ist seit hunderten Jahren sehr katholisch!) und tragen einen Reliquienschrein die Treppen herunter. Eine Gasse tut sich auf, denn die Kirchentreppe ist vollgestellt mit handelnden Bauern und Verkäufern und die Häuptlinge werden mit einem Feuerwerk von Böllern begrüßt. Das Rumknallen mit Pyrotechnik aller Kaliber ist in Lateinamerika absolut beliebt, ohne Rücksicht auf Verluste (diverser Resthörvermögen).

In der Kirche ‚ist die Luft raus’, und nur noch dicker Weihrauch drin, dass dem staunenden Reisenden die Augen tränen. Wir schieben uns zwischen den Ständen durch und uns werden immer wieder edelste bestickte oder gewebte Stoffe angeboten, außerdem viel geschnitztes, geflochtenes, bemaltes, gegartes und rohes, gekochtes bis scharf gebratenes. Würden wir nur 10% von diesen schönen Sachen mitnehmen wollen, bräuchten wir einen mittleren LKW zum transportieren und viele Sachen sind tatsächlich einmalig schön. Wir sehen bei der Fertigung zu – DAS ist mal nicht „Made in China“! So bleibt es bei Kleinigkeiten, (Ver-)Kosten, Gemüse und Obst und wieder mal vielen Impressionen, die wir mit allen Sinnen und ein wenig Digitaltechnik einfangen.

Man merkt in Chichi, das dieses Schauspiel hier mittlerweile sehr bekannt ist bei den Reisenden aller Herren Länder. So viele Sprachen hört man hier immer wieder quer durcheinander und die hochgewachsenen Fremden mit ihren Fotoapparaten und Rucksäcken überragen die Eingeborenen meist um 1-2 Haupteslängen, sogar Heidi hat mal Überblick Zwinkernd.

Besonders die schon sehr ins Alter gekommenen Ureinwohner gehen uns manchmal nur bis in Brusthöhe. Zwischen diesem ganzen Trubel sind auch mal, versteckt in schön bewachsenen Höfen und kolonialen Gärten, kleine Restaurants untergebracht, wo man sich einen Mittagssnack genehmigen kann. Ja, es kommt uns jetzt, im direkten Vergleich, hier in Chichi deutlich touristischer, teils etwas anstrengender vor als auf dem noch ursprünglicheren Freitagsmarkt in Solola. Aber einen Besuch ist diese Attraktion in den Bergen Zentralguatemalas derzeit immer wert, wenn man in der Nähe ist oder die Reise so planen kann.

Als wir am Atitlan-See zurückkommen, sind die drei Vulkangipfel mit Wolken garniert, wie meist am Nachmittag, um am nächsten Morgen in schönster Pracht und Klarheit wieder in der Sonne zu glänzen. Wir haben schon seit 3-4 Wochen keinen Regen mehr erlebt und auch nicht vermisst. Das bleibt um diese Jahreszeit in dieser Gegend auch weiter so.

Wir planen für einen der nächsten Tage eine Bootstour auf den eindrucksvollen See. Dazu geht es zum Hafen und wir sind wochentags nur eine kleine Gruppe, die diese Tour zu den anderen 4 Küstenorten mitmacht. Wir müssen nach über 50.000 Kilometern seit Baltimore/Maryland mal nicht selber fahren und genießen es, mal rumgeschippert zu werden.

Am Beginn der Tour kommen wir auch an ‚unserer Bucht’ vorbei und können unseren Stellplatz mal vom Wasser aus bewundern. Eher weniger schön ist der Anblick der drei hässlich-unpassenden Betonklötze, die man dort weiter hinten auch sehen kann. Diese Hotelanlage - oder sind es ‚Eigentumswohnungen’ (?) – machen auch aus der Nähe einen mysteriös-unfertigen, chaotisch-verbauten und irgendwie halb verwahrlosten Eindruck. Tomy hatte beim genaueren, abendlichen inspizieren der komischen Anlage, die sich schrägerweise dazu noch „Riviera de Atitlan“ nennt, eine Baustelle mit Abbruchcharakter vorgefunden. Ausländische Besucher oder Beobachter sind gar nicht erwünscht. Es sieht aus wie eine ‚Investruine’ asiatischer Prägung, wie sie zu dutzenden z.B. am Chao Praya River in Bangkok stehen und auf die Abrissbirne warten. Einige Zimmer hier jedoch scheinen bewohnt zu sein und ein, für guatemaltekische Verhältnisse, luxuriöses Restaurant steht dort im harten Kontrast mit der Umgebung. Eine etwas ‚gespenstische’ Anlage und ein optisch-architektonischer Fauxpas in dieser Umgebung, finden wir. Was soll’s.

Am Morgen ist es noch ruhig auf dem Wasser unser erstes Ziel ist das Dörfchen San Marcos La Laguna. Dort ist nicht allzu viel geboten, außer einigen schönen Gartenanlagen, Posadas, Pensionen, kleinen Hotels mit eher alternativ-natureller Ausrichtung, jungen und sehr tiefenentspannt wirkenden Publikum und einem Hauch von Hanf und Batik – wenn ihr wisst, was wir meinen…

Der nächste Ort ist San Juan La Laguna und schon größer. Er ist ganz klar künstlerisch ausgerichtet und wenn man die steile Straße in den Ort erklommen hat, säumen überall Ateliers, Workshops und kleine Ausstellungen den schön am Berg liegenden Ort.

Hier haben sich viele Maler und Grafiker niedergelassen, auch die Fassaden sind hier zu einem großen Teil mit mehr oder weniger inspirativen ‚Gemälden’, Skizzen oder utopisch- bis phantastischen Motiven verziert. Einige haben Mayathemen oder mischen diese mit astronomischen Einflüssen. Manche haben durchaus einen Anspruch und Charme, andere passen eher in die Kategorie Graffiti.

Und auch hier geht es ruhig zu, ganz entspannt ohne fetten Verkehrslärm. Einige Tante Emma - (oder in dem Falle Maria) - Läden bieten das Notwendigste, vom Keks über Tortillas, bunte Limonade und das Bier für den (Feier-) Abend. Jetzt einmal, zur Abwechslung, eine spezielle Meldung aus der lateinamerikanischen Baubranche: Immer wieder verrückt, dass manche Gesetzte - wie schon so oft in Mexiko erlebt - dazu führen, dass viele Gebäude – auch hier - im zweiten oder dritten Stock nicht fertig gebaut werden! Ein häufiger Anblick: Die Stahlarmierungen ragen nackt aus dem Beton nach oben. Das tolle Gesetz sagt nämlich, dass man dann weniger (Bau-?) Steuern bezahlt, wenn das Gebäude optisch noch nicht fertig ist, also in Arbeit. Das führt dazu, dass viele Gebäude eben mal gar nicht fertig werden wollen, da wäre man ja auch schön blöd, diese dann so richtig schön zu „Vollenden“! Auch ne’ Art Kunst hier, wenn auch eine fragwürdige und oft für uns meist erheiternde!

Weniger Lustig: Im kleinen Hafen von Juan de Laguna fällt uns auf, dass einige der Gebäude hier tief im Wasser des Atitlan-See stehen, auch Bäume und Wege verschwinden teils im Wasser. Wir vermuten eine seismische Aktivität oder einen Erd- bzw. Bergrutsch in dieser Region in jüngster Vergangenheit, was diese Überflutung ausgelöst haben könnte oder aber auch, dass viel Regenwasser den See-Spiegel ansteigen ließ, denn wenn der Atitlan-See keine Abfluss hat, dauert die Verdunstung sehr lange.

Wir warten lange auf unser verschwundenes Boot samt ‚Kapitän’, der wurde (samt Wasserfahrzeug!) nicht mehr gesehen und so muss man improvisieren. Unsere Gruppe fährt nach einiger Diskussion mit einem anderen Boot weiter. Man sieht das hier nicht so verbissen.

Der dritte Ort heißt San Pedro La Laguna und ist wieder steil am Berg gelegen. Benannt wurde das kleine Seedörfchen nach dem gleichnamigen Feuerberg, der weiter hinten in dem Himmel ragt. Hier machen wir kurz Mittag und sehen uns nur einige Gasthäuser und Läden an. Eine Stunde Zeit ist manchmal nicht gerade viel und einer der großen Nachteile vom ‚Gruppenunternehmungen’. Wir sind dann danach immer wieder froh, sonst organisatorisch und zeitlich alleine für uns zu entscheiden und unabhängig von solchen „Plan-Veranstaltungen“ unterwegs zu sein. Der Rest der Tour funktioniert dann aber reibungslos, bis auf die direkte Rückfahrt nach Panajachel, doch dazu später.

Der vierte und letzte Ort der „Tour de Lago“, wie sie sich nennt, ist Santiago de Atitlan, eigentlich der Hauptort am See und der einzige mit doch deutlich städtischem Charakter. Auch Santiago liegt terrassenartig am steilen Ufer des Sees. Überall geht es in diese Orte kräftig bergauf (je nach Sicht der Dinge).

Ein Nachteil: Santiago ist proppenvoll von knatternden Tuk-Tuks und leider vielen musealen LKWs, die durch die engen Gassen dröhnen und fettschwarze Rauchwolken ausstoßen. Manchmal muss man schon in die kleinen Seitengassen ausweichen, möchte man etwas Ruhe haben und halbwegs klare Luft zum Atmen. Auf der Hauptstraße vom Hafen ins Zentrum der Stadt gibt es unglaublich viele Souvenirläden, Stände und ‚fliegende’ Verkäufer. Man kommt einfach aus dem freundlichen, aber bestimmt verneinenden, Kopfschütteln nicht mehr raus, aber man kann nun mal nicht jeden Tag Andenken oder Klamotten kiloweise kaufen. Ist man länger unterwegs und hat sehr geringe Platzreserven, dann erst recht nicht, und dass ist oft schwer zu erklären, leider.

Oben auf dem Domplatz haben wir eine tolle Sicht auf die beiden hoch über Santiago thronenden Vulkankegel Toliman (3.180m) und den Atitlan (3.035m), der sich wie ein Zwillingsberg gleich hinter dem erstgenannten aufgebaut hat. Auch ein – wie fast überall in Guatemala – sehr schöner bunter Markt ist im Zentrum von Santiago präsent.

Wir sind aber noch gut eingedeckt von Chichis Gemüseständen. Die Hauskätzchen gibt es hier in Santiago gleich online, da hat doch der Besitzer irgendwas verwechselt oder der Zugang zum www ist hier für die Katz.

Hier, in Santiago de Atitlan, zum finalen Stopp, haben wir mal 2 Stunden Zeit und können am Hafen noch die in Guatemala führende Biermarke testen: Ein „Gallo!“ Ja, tatsächlich, ein gallischer (?!) Hahn ziert das Etikett der Hopfenkaltschale, die hier überall kräftig beworben wird und gut schmeckt, Prost!

Dann kommt die Rückfahrt quer über den See: Na klar kürzeste Strecke, volle Pulle – unser Bootsführer hat reichlich ‚Jagdwurst’ gefressen (die gibt’s hier wirklich!) und hat es ein wenig zu eilig, heimzukommen. Immer am Nachmittag - man kann hier darauf warten, kommt Wind über dem See auf und die Wellenkämme werden höher… Der Mann am Steuer lässt die kleine Nussschale immer wieder aus dem Wasser schießen und dann krachend auf die Oberfläche klatschen, dass die Wirbelsäule so richtig schön gestaucht wird, Juhu. Das fühlt sich so an, als würde man durch eine dünne, 5mm-Unterlage (von einer Platte Plastik oder Holz) immer wieder kräftig mit einem Vorschlaghammer auf den Steiß geschlagen werden. Im Stehen wäre das zwar etwas anstrengender, aber man könnte das besser abfedern – nur Stehen geht auf dem Boot nicht, durch ein zu niedriges Dach! Aber irgendetwas ist ja immer und 3 Tage später lässt der Schmerz im unteren Rücken wieder langsam nach Brüllend.

Wir sind froh, am Wochenende keinen Ausflug mit den ‚Musikbooten’ gemacht zu haben, das wäre noch schlimmer. Wir beobachteten vom Ufer aus mehrfach mit Kopfschütteln, dass am Samstag und Sonntag einige solcher ‚Fuhren’ ihre Gäste mit ohrenbetäubenden „Fffumpp-Tfump“ Bass-Getöse malträtieren (Vielleicht wollen die das so, haben das extra so gebucht, unvorstellbar!)! Es schallt so extrem, dass diese brüllend-laute, akustische Umweltverschmutzung weit übers Wasser, oftmals einige hundert Meter rüber zu uns auf die Camperwiese brettert und die Gläser in unseren WoMo-Schrank fast vibrieren. Von unseren Ohren mal abgesehen. Wie muss sich dieses wüste Techno-Gerumpel erst auf dem Schiff anhören? Grrrr!! Wir wollen es gar nicht wissen.

Sonst aber macht das Naturschutzgebiet um den Atitlan-See einen ruhigen und entspannten Eindruck, nie zuvor auf unserer Tour sind wir so lange vor Ort geblieben wie hier. Nach 2 Wochen, am vielleicht schönsten Bergsee Mittelamerikas und in Panajachel, geht unsere Reise weiter nach Antigua. Nicht, ohne noch einmal bei Sandras Bäckerei in ’Pana’ einzukehren und ein schönes Vollkornbrot mitzunehmen, eine geschätzte Seltenheit auf den letzten drei- bis 4.000 Kilometern.

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