An der Pazifikküste nach Süden

(unsere Reiseroute)

Nach einer durchaus bewegten Seefahrt durch den Golf von Kalifornien kommen wir am nächsten Tag gegen 8 Uhr morgens an der Küste des Bundesstaates Sinaloa an. Die Fahrt mit den arg stampfenden und schwankenden Stahlmonstrum hat fast 11 Stunden gedauert und stellenweise konnte man sich kaum gerade auf den Beinen halten (und das natürlich ohne Rausch, Freunde!). Nein, es war ordentlich Seegang. Vor uns liegt das mexikanische Festland und das über mehrere Hügel verstreute Topolobampo.

Nach immerhin einer weiteren Stunde warten, in der 2. Etage auf dem Pott, befahren wir die Truckhebebühne und abwärts geht’s und dann hat Esmi wieder festen Boden unter den Reifen. Wir verlassen ohne größere Kontrollen die Hafenanlagen und steuern erst einmal auf Los Mochis zu. Wir machen dort an einer der allgegenwärtigen, staatlich kontrollierten PEMEX-Tanken eine Frühstückspause und fahren dann die erste Strecke auf der Autobahn nach Süden. Gar nicht weit nach Auffahrt kommen schon die ersten Abzockerhäuschen. Die Maut-Preise hier sind für mexikanische Verhältnisse schon gesalzen und gepfeffert, wir sind an italienische Autobahnen erinnert.

Im mittleren Norden haben wir bis Mazatlan wenig Alternativen zur kostenpflichtigen Trasse, aber später können wir in Richtung Süden teils auf die parallel führenden Landstraßen ausweichen. Dann passiert es: Wir haben erstaunlich viele Tomaten vor den Augen! Die ersten Kilometer (vom Meer landeinwärts) wird die sehr flache Küstenlandschaft zum Anbau von Kartoffeln und vor allem Tomaten genutzt. Die Felder erstrecken sich bis weit nach Süden und das rote Nachtschattengewächs ist sogar auf dem Autonummernschild dieses mexikanischen Küstenstaates abgebildet. Und was heißt hier wohl „Katzensuppe“? Ganz einfach: Ketchup heißt hier CatSup, die haben einen Humor hier!

Weiter landeinwärts ziehen sich - einige hundert Kilometer weit - gewaltige Bergketten durch das Land, aber es führt kaum eine nennenswerte Straße nach Osten in diese Berge.

Wir finden an der Küste einen kleinen Zeltplatz mitten zwischen bewaldeten Hügeln, mit Katzen und viel unbebauten Strand. Die Zufahrt zu diesem Ort ist kaum erkennbar und eine staubige Rumpelpiste führt uns durch die Botanik.

Kaum jemand würde in Old Europa dort mit der Existenz eines Campingplatzes rechnen. Nur ein winziges Schild am Straßenrand weist darauf hin. Und solche Plätze sind sehr rar, gemessen an der gewaltigen Größe des Landes und seiner (zumindest theoretischen) Möglichkeiten! Die (mit dem Hauptstadt-District) 32 Bundesstaaten von Mexico sind zusammen fast 6mal so groß wie Deutschland und da man in Mexico aufgrund der Straßenverhältnisse deutlich langsamer vorwärtskommt, erscheint einem dieses Land noch viel größer!

Wir verlassen die Autobahn bei der Hafenstadt Mazatlan und fahren die weiter im Inland führende Mex-15, die an den Weihnachtsfeiertagen erfreulich leer und ruhig ist.

Wir können am Heiligabend an einen Hotel im Städtchen Rosario stehen bleiben und dürfen für 100 Peso auch das Hoteleigene Internet benutzen. So können wir die vielen Grüße aus dem schon tief schlafenden Deutschland abrufen – so viele Mails haben wir ‚am Stück’ wohl noch nie erhalten, Danke allen Absendern! Bei einem Weihnachtsbier und leckeren kalifornischen Wein schicken wir auch einige Grüße ab und lesen die Nachrichten aus der weiten Welt, Super.

Die weitere Fernstraße 15 erweist sich als entspannte Route durch immer grüner und tropischer werdende Landschaften. Wir wundern uns etwas, dass uns die Vegetation hier schon stark an Südostasien erinnert. Es wird immer heißer und nachts schüttet es meistens. Tagsüber dampft der Wald und es wird immer feuchter. Es ist eine ganz neue Erfahrung, das man bei der Reise in den Tropengürtel unserer Erde mal nicht mit dem Jet ‚hingebracht’ wird, schlagartig, „Raz-Faz-aussteigen-Urlaub“ – sondern diese Veränderungen langsamer und fließend mitbekommt.

Nach Mazatlan überqueren wir so den nördlichen Wendekreis und sind somit auch geografisch in die Tropen gefahren. Seit Fairbanks (Alaska) im August haben wir ca. 18.000 km mit unserer Esmeralda zurückgelegt, allerdings ist es dort mittlerweile etwas ungemütlicher und dauer-dunkler geworden. Wir erreichen den nächsten Bundesstaat Nayarit.

 

Unser nächstes Ziel an der Küste ist das Fischerdorf San Blas, heute ein typisch-mexikanisch buntes Städtchen. Bevor wir dort ankommen, geht die Fahrt zwangsläufig durch die engen Gassen von Santiago Ixcuintla, glücklicherweise sind es Einbahnstraßen.

Einige Minuten und ein Dorf später, in El Tizate Guadelupe Victoria (schöne Ortsnamen oder Lachend) ging nichts mehr. Anstatt der Durchgangsstraße klafft ein 2-3 km langer Krater (als Generalbaustelle komplett aufgerissen) voller vor sich hin dümpelnden, historisch stillstehenden Baufahrzeugen vor uns. Die „Umleitung“ über das Katzenkopp-Mittelalter-Pflaster und den eigentlich schön arrangiert niedrig-hängenden Bäumen, kostet uns viel Zeit und Nerven. Trotz vorsichtigster Fahrweise im ersten oder zweiten Gang gibt es immer wieder harte Schläge zwischen Kabine und Ladefläche. Es kracht immer wieder, dass es einfach nur wehtut, eine wirklich perverse Strecke!

Nur ein paar Kilometer weiter sind wir endlich in San Blas angekommen und freuen uns auf den Campingplatz. Leider ist die Straße auch hier eher eine Schlagloch-Topes- (Bumper) Piste und wir fahren wie alle anderen Slalom drum herum.

Unser Navi sagt uns, dass wir nur noch einmal links abbiegen müssen und dann würden wir in einem Kilometer vor dem Campingplatz stehen. Wir biegen also ab und fahren gerade über die nächste Kreuzung (wobei uns schon gewundert hat, dass in unsere Fahrtrichtung keine Autos stehen), als neben uns eine Sirene los geht. Ein Polizist hilft uns beim Wenden und dirigiert uns an die Seite. „Ob wir nicht wüssten, dass wir verkehrt in eine Einbahnstraße fahren würden und wohin wir denn wollten. Wir hätten ja auch ein Navi, das sowas doch wissen müsste.“ „Nein, wir haben kein Schild gesehen und wir wollen zu dem Campingplatz und nein unser Navi wusste es auch nicht besser und hat gemeint, dass wir hier reinfahren dürfen.“ Nach ein paar Fragen, auch warum er von uns nur eine eingeschweißte Kopie des Führerscheins bekommt (natürlich nur, weil man den oft zeigen muss und der Führerschein nur dreckig wird Unschuldig), meint er, dass wir ihm und seinen Kollegen folgen sollen, sie bringen uns hin.

Eigentlich wären wir nur die nächste Straße abgebogen und schon wären wir da gewesen, aber mit Polizeieskorte – nun ja, warum nicht. Vor dem Campingplatz will er uns noch ein Ticket aufdrücken und wir wiederholen uns: „Da gab es kein Schild – Einbahnstraße oder ähnliches“. Vielleicht war es ihm irgendwann zu warm in der Sonne um mit uns zu diskutieren, jedenfalls wünschte er uns noch einen schönen Tag und verschwand. Wir haben übrigens nachgeschaut, da steht wirklich kein Schild!

Dann, endlich am meernahen Camping ‚Los Cocos’ angekommen, fressen uns Unmengen Moskitos fast auf und wir flüchten – zwei, (fast schlaflose) Nächte später - arg zerstochen weiter auf die Küstenstraße Mex-200 nach Süden. Wir wären gern länger geblieben, aber es war kaum auszuhalten und mit Erholung hatte das nichts zu tun.

Schade, denn kurz vor unserer Abreise bemerken wir erstaunt, dass wir gerade hier (am Camp) die Besatzung eines der eigenwilligsten Expeditionsmobile wiedertreffen, was wir bisher auf unserer Reise durch Amerika entdeckt haben: Das „Skyhorse“. Wir hatten dieses Vehikel das letzte Mal bei Skagway/Alaska beim überqueren eines Bergpasses getroffen. Die Insassen schotten sich hier allerdings auch gegen die übermächtige Mückeninvasion ab und keiner wollte als Blutbank für diese nimmer satten Viecher herhalten.

Die Straßen von San Blas stehen durch die starken, nächtlichen Regengüsse unter Wasser. Der Ort (wie viele andere auch) ist mittlerweile ‚zubetoniert’ und die braune Brühe läuft nicht mehr ab.

Entgegen dem kleinen San Blas, schon eher bekannt bei Mexiko-Reisenden ist der Hotel- und Tourismusort Puerto Vallarta. Er wird von Reiseführern als die deutlich ruhigere Alternative zu Acapulco an der Pazifikküste gehandelt.

In einem Vorort, bei Brisa Vallarta finden wir nach 3 Versuchen einen kleinen, eher improvisierten Platz an einer Pension für überwinternde Nordamerikaner. Wir haben zwar kaum irgendwelchen ‚Komfort’ der einfachsten Klasse, aber einen wunderbaren Blick über die Vallarta-Bucht und einen Honigbrunnen für hungrige Kolibris in der Nähe.

Die Flugkünstler werden von einem Rentner-Paar aus Montreal gefüttert. Die Beiden sind bereits vor 40 Jahren aus Magdeburg nach Quebec ausgewandert und fahren, seit Ihrer Pensionierung, jedes Jahr im Spätherbst von Kanada nach Mexico in ihre Ferienwohnung. Klar freuen sie sich darüber, wieder mal auf Deutsch zu reden, nachdem wir (wie im Film) erst mal einige Sätze auf Englisch ausgetauscht hatten, das ist immer wieder lustig.

Leider verschwinden immer mehr RV-Camping-Parks. Die Gelände sind teils zugewachsen und die Tore verrammelt. Wir vermuten, weil immer weniger Wohnmobil- und Zelttouristen kommen.

Ruhig ist es hier in Puerto Vallarta und Umgebung schon lange nicht mehr. Verkehrschaos, Hotelburgen aller Klassen und viele internationale Urlauber schaffen im Zentrum ein Bild wie in Puerto Cruz de Teneriffa, nur mit klarem und deutlich mexikanischen ‚Würfelbuden-Einschlag’ und dementsprechender Lautstärke - und mittelstarker, allgegenwärtiger ‚Vermüllung’ der Region. Wie leider überall im Lande. Wir sehen hier auch die größte Konzentration an amerikanischen und kanadischen Nummernschildern nach der Baja California. Fette Einkaufsmalls und fast alle gängigen Schnellfressketten des nördlichen Nachbarn präsentieren hier ihre Filialen. Zusammen mit dem mexikanischen Chaos ein bunt-exotischer Mix unter tropischer Sonne und wir haben hier schon täglich zwischen 26 und 31 Grad im Schatten. Wir suchen einen weiteren angeblichen RV-Park an einem Hotel „Frankfurt“ in der geschäftigen Altstadt. Allerdings ist hier jeder Quadratmeter zugeparkt und alles ist so eng wie in einer portugiesischen Kleinstadt. An dem ausgewiesenen Platz passt nicht mal ein Autobus hin (nirgends hier) erst recht nicht ein RV Park. Fehler im System! Camping für Matchboxautos würde möglicherweise gehen. Die arg gebeutelte Reiseschildkröte holpert mit uns langsam und in vorsichtigen Freudensprüngen wieder aus der Stadt. Hier kann man mal mit Freunden, Rucksack und verrückten Ideen herkommen, nicht aber mit einem Wohnmobil bleiben.

Südlich der Stadt, bereits im Bundesstaat Jalisco an der Mex-200, wird es etwas sauberer und die Buchten immer schöner. Die Landschaft ist absolut sehenswert und wir müssen ab und zu Fotostopps machen. Das klare, hellblaue Wasser steht in Kontrast mit dem Plastikmüll, der immer wieder von den Anwohnern auf verschiedenste Weise vor ihren Häuschen präsentiert wird.

 

Aber auch weiter südlich sind RV-Parks, selbst kleine, einfache Plätze zum Zelten oder WoMo-abstellen totale Mangelware. Es werden immer weniger ausländische Nummernschilder auf den Straßen und man muss oft den Großteil eines Tages suchen, um überhaupt wieder einen Platz zu finden.

Was für ein Riesenunterschied zu den USA und Kanada. Der Mangel an solchen Plätzen hat ja eigentlich nichts mit „Arm und Reich“ zu tun. So viele ärmere Länder in Südostasien oder im Süden Afrikas beweisen das Gegenteil!

Es ist wieder fast dunkel, als wir gerade noch in der Dämmerung am „Red Snapper RV Park“ ankommen. Der Park liegt in einem kleinen Küstennest und wir bleiben 2 Regentage hier. Das Fahren auf den oft überfluteten Küstenstraßen macht keinen Spaß.

Wir versuchen wieder einen Abstecher in die Berge zu machen und kommen in den kleinen Bundesstaat Colima. Hier queren wir 2 Bergpässe mit 1.300 und 2.800 Metern und es wird nachts schon um einiges kühler. Tagsüber hatten wir in den Bergen schon mal 9 Grad plus. Das Wetter bleibt aber schlecht und wir fahren in den interessanten Vulkangegenden durch fette, feuchte Wolkenberge. Das ist im besten Falle mystisch und hat einem Hauch vom Unbekannten, die schönen Berglandschaften bleiben einem so aber teils verborgen.

Wenn sich die Sonne mal durchkämpft, erkennen wir viele „Tequila – Felder“ hier im Hochland. Na, zumindest die speziellen Kakteen-Pflanzen, als Grundstoff für das mexikanische Nationalgetränk, werden hier in der Region angebaut. Genauer gesagt, wird hier Metzcal, ein spezielles Agaven-Gewächs angebaut, die blau leuchtende „Weber-Agave“. Die Pflanzen brauchen bis zu neun (!) Jahre um Reif für die Ernte zu sein. Nach der Ernte wird dann das Herz der Pflanze und der daraus erzeugte, dampfgegarte Saft fermentiert und dann nach Veredlung weiter destilliert, ein komplexer Prozess. Mittlerweile ist das Dampfgaren der Grundstoffe aber industriell verbessert und unter Einsatz von Autoklaven auch zeitlich verkürzt. Das Ergebnis dessen gibt es hier in unzähligen Varianten zu kaufen.

Die Straßen werden teils so schlecht, dass wir nur noch in Schritttempo von Schlaglochserie zu Krateransammlungen zwischen Asphaltresten im Slalom fahren. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit stellen wir uns – ziemlich platt und ohne Alternativen - einfach auf einem freien Platz zur Einfahrt in ein kleines Bergdorf. Weiterfahren wäre hier im Dunkeln komplett verrückt. Es ist der 30. Dezember 2013 und so landen wir am nächsten und letzen Tag des alten Jahres in der gleichnamigen Hauptstadt Colima. Die in einigen Bereichen moderne und auch durchschnittlich saubere Stadt wirkt nach der tagelangen Fahrt durch arme Bergdörfer mit verfallenen Bretterbuden, kaputten Häusern, unzähligen Müllhalden und zig’ Schrottplätzen, fast wie eine Sphinx aus der Asche, denn man glaubt manchmal fast weit in der Zeit zurückgefahren zu sein.

Es gibt in Colima einen Walmart und sogar einen HomeDepot-Baumarkt, sowie einige Hotels. Nirgends sichten wir einen RV-Park und es gibt nichts annähernd Brauchbares. Wir suchen lange und wir fragen beim finanziell mondänen Fiesta Inn an. Die Zimmer haben amerikanische Preise und der Manager will uns tatsächlich erst mal fast die halbe Zimmermiete, also über 500 (!!) Peso für die Möglichkeit abnehmen, uns bei (nur) Internetnutzung in den sicheren Hotel-Hof zu stellen. Ha, wir müssen uns schon schwer das Lachen verkneifen, versuchen kann man’s ja. Im Prinzip sind die (meisten) Leute hier nett und so können wir das Hotel-Team höflich überzeugen, dass wir bisher überall im Lande für eher 100 Peso, also 8-10 US Dollar (falls das mal nötig war) an Hotels ‚angedockt’ haben – schließlich brauchen wir nix, haben Elektroversorgung, Dusche, Abwasser und Küche alles in unseren Fahrzeug. Wir machen keinen Dreck, keinen Krach, keinen Aufwand - und sind den nächsten Tag wieder weg. Man berät sich, Comprende, Si – Gracias, und unser Silvester ist gesichert. Ein mexikanischer Hunderter wechselt in die Kaffeekasse der Caballeros und wir haben erst mal für einige Stunden Ruhe. Das Internet am Fiesta Inn ist phänomenal schnell und gut, da macht die Silvesternacht richtig Spaß. Da bereits seit dem frühen Abend (eigentlich schon seit Weihnachten) mit der Ballerei begonnen wurde, ist der eigentliche Silvesterhöhepunkt nicht mehr so spektakulär. In Mexico scheint es eher üblich zu sein, mit Knallern aufzutrumpfen, als mit bunten Raketen. Je lauter ein Knaller ist umso besser, man scheint Krach in jeder Form zu lieben.

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