3.300 Kilometer durch Alaska! (Teil 2)

Kenai Peninsula und eine Tour nach Valdez

(unsere Reiseroute)

Der erste Vormittag (nach Anchorage), und die schon sehr sehenswerte Zufahrt nach Kenai, ist noch von tief hängenden Wolken geprägt, doch dann löst sich die ‚Tischdecke’ über den mächtigen Bergen auf und wir sind von der Natur Kenai’s begeistert. Durch die langgestreckten Meeresarme und die dicht bewaldeten Berge werden wir hier immer wieder an das Norwegische Fjordland erinnert, nur gibt es hier nicht so viele Tunnel wie im Königreich vom King Harald.

Die Dimensionen Alaskas allerdings sind auch für uns immer wieder gewöhnungsbedürftig, denn wenn man die Karte studiert hat und seine Planung macht, wird nicht immer gleich klar, dass allein auf dieser Halbinsel gewaltige Entfernungen zurückzulegen sind, wenn man die Süd- oder Westküste erreichen will. Will man von Anchorage nach Seward auf Kenai Island, kommen ganz schnell 250 bis 350 Kilometer zusammen. An einigen der Tankstellen - südlich von Anchorage - gibt es auch freie Trinkwasserversorgung und Dumpstationen, was immer wieder essentiell für den Wohnmobilisten ist. Die Ver- und Entsorgung nimmt bei unseren (eher geringen) Kapazitäten alle 2-3 Tage immer einige Zeit und im ungünstigen Falle auch oft lange Sucherei in Anspruch. Das alles ist hier im ‚Hohem Norden’ aber deutlich einfacher und besser machbar als an der dicht besiedelten US-Ostküste.

Auf Kenai Island geht es über den Moose Pass nach Süden und wir fahren das erste Mal am langen Kenai Lake entlang, der sich in mehreren, eleganten Biegungen durch die grüne Landschaft zieht. Zu dieser Jahreszeit blüht es natürlich überall auf den Bergwiesen und Waldlichtungen.

Nach vielen Fotostopps erreichen wir in den Abendstunden das Städtchen Seward. Hier ist jeder (WoMo-)Platz am Meer besetzt, obwohl es davon wohl an die tausend gibt und gut verteilt im schön gelegenen Ort. Allerdings wird hier auch ganz kräftig abkassiert. Man zahlt 15 Dollar für einen ‚nackten’ Stellplatz, ohne Service und ohne allem. Wenn man dazu noch ‚ein wenig Strom naschen’ möchte, sind 30 Dollar zu berappen, ein Supergeschäft für den Ort, aber die Saison ist halt kurz.

Seward ist der Ausgangspunkt für große und kleine Schiffstouren und die selbsternannte Heilbutt- (engl. Halibut) –Fangmetropole der Welt. Aber auch Thunfisch, 4-5 Arten Lachs, Red Snapper, Flundern und viele Krustentiere werden hier rausgeholt und oft gleich weiterverarbeitet oder verkauft. Der hiesige Yachthafen ist in seiner Dimension auch nicht zu verachten, kurz gesagt: Hier tobt das fette, maritime Leben, wie man sich das vorstellt. Auch klar, dass man hier die relativ kurzen Sommer in dieser Region voll nutzen muss. Jetzt ist absolute Hochsaison und nirgends sonst auf Alaskas Straßen haben wir eine so hohe Verkehrsdichte erlebt wie hier auf dem (im Vergleich zu ‚Rest-Alaska’) vergleichsweise kleinen Eiland vor der Südküste.

Wir sind erstaunt, wie viel hier los ist. Auf den Hauptverbindungsstraßen zwischen Fairbanks und Anchorage oder dem Alaska Highway von Kanadas Norden hierher meinten wir, oft fast allein unterwegs zu sein. Und das ist tatsächlich ein (von uns) nur hier beobachtetes, einmaliges Phänomen beim Reisen im amerikanischen Nordland.

Die Flussbetten sind hier ebenfalls viel breiter als im Moment gebraucht und schaut man von Bergen, Brücken und höher gelegenen Straßen auf die sagenhaft vielen Wasserarme hier im Norden, dann stellt man erst mal fest, hier ist alles wild, nichts ist begradigt, eingeengt, kanalisiert oder ähnliches. All das, was die mächtigen Wassermassen im Frühjahr nach der Schneeschmelze an Gestein, Holz und Sediment abtransportieren, hat hier viele hundert Meter breite, extrem ausgeweitete Flussbetten geschaffen, die im Moment teils nur zu 20-30% gefüllt sind. So haben sich die Flüsse in viele, weit verteilte Bäche verteilt. Die notwendigen Brücken dazu sind oft 1-2 km lang und müssen in den riesigen, flachen Tälern nicht sehr hoch sein. Nördlich von Seward finden wir an so einem gewaltigen Flusstal eine ruhige Straße, wo es viele schöne Stellplätze im Wald gibt.

Am nächsten Tag ist der ‚Exit-Glacier’ unser Ziel, jetzt aktuell ein Bestandteil des Kenai Fjords Nationalpark. Gespeist wird der Gletscher von einem der größten, zusammenhängenden Eisfelder der Region. Er hat sich aber gerade in den letzten 50 bis 60 Jahren dramatisch zurückgezogen. Alaska ist die weltweit von Klimawechsel mit am stärksten betroffenste Region und ca. 6 Grad mehr Erwärmung in der genannten Zeit ist es einfach extrem viel. So gehen wir durch den mittlerweile gut gewachsenen Nadelwald am Visitorcenter des Parks zum Gletscher rauf und können in 1.500 Meter Entfernung zum jetzigen Ende der Eiszunge heute die Schilder der damals gemessenen Eisstände (oder Gletscher-Enden) von 1890, 1920, 1940 lesen. Immer noch recht weit weg sind dann die Markierungen der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Oben angekommen, merken wir, wie extrem stark und schnell die Eiszunge in der Wärme des Julitages schmilzt, wir haben heute wieder fast 30 Grad hier oben. Im Schatten!

Um auf die Westseite der Halbinsel zu kommen, muss man erst mal wieder durch die Berge nordwärts und dort, wo relativ zentral der Tern Lake liegt, geht die Straße dann in Richtung der Ortschaft Kenai ab.

Den Verlauf der Straße begleitet dann auf dem weiteren Wege der türkisfarbene Kenai River (mit starker, schneller Strömung). Dieser Fluss wird zwischendurch mal zu einem „schmalen“ aber ca. über 50 km langem See und man begegnet ihm auf dem Weg nach Seward und wie in unserem Fall auf dem Weg Richtung Westküste. Die jetzt folgenden ca. 30 Meilen sieht man überall die Lachsangler, die bis zur Hüfte im Fluss stehen und hier reichlich Beute machen. Es ist ein Ereignis und ein Volkssport. Tausende kommen, um die begehrten, leckeren Fische bei ihren Zug heimwärts, zu ihren Geburtsstätten (und zum Laichen) abzufischen, es scheint genügend davon zu geben. Wie die Orgelpfeifen stehen die Angler im Uferbereich und die Straßen sind mit Pickups zugeparkt. Dem Beobachter bietet sich ein Superschauspiel.

Es gibt schon einige Regeln und Gesetze, die zu beachten sind. Man darf nicht direkt mit dem Kescher fangen und bestimmte Stellen, Zeiten und Angeltypen sind bindend vorgeschrieben. Auch darf der Lachs nur mit einer Lizenz gefangen werden, versteht sich. Und die Strafen für das nicht befolgen der umfangreichen Gesetzestexte sind hoch. Wir haben mal so ein Büchlein studiert und die Regeln sind sehr umfangreich, so dass es sich für den durchreisenden Ausländer ohne speziell mitgebrachter Ausrüstung eigentlich nicht lohnt, einen Angelschein zu kaufen, mit allem, was man sonst noch braucht. Da kaufen wir uns lieber ab und zu mal eine lachsfarbene Delikatesse, die es hier aber nicht immer gibt und auch vor allem nicht günstig zu haben ist. Komisch, es ist doch gerade Hochsaison für fast alle Lachsarten! Die Angler hier dürfen übrigens ihren (reglementierten) Fang auch nicht verkaufen.

Ist man über die Hälfte nach Westen gefahren, ändert sich plötzlich die Szenerie und die Berge „verschwinden“. Flaches Buschland beginnt und die Küstenlandschaft im Westen Kenais finden wir im Vergleich zum Ostteil deutlich weniger interessant. Trotzdem besuchen wir den Ort Kenai und die alte, russisch-orthodoxe Kirche am Meer. Hier findet man noch vereinzelt Zeugnisse der ursprünglichen Besiedlung aus russischen Zeiten. Leider hindert uns dieses Mal dichter Küstennebel (nein, nicht das Getränk, Onkel G!) am weiteren erkunden der Westküste, aber die Traumkulisse des Ostteils kann der Westen der Halbinsel hier auch nicht toppen.

Durch eine langgezogene Fjordlandschaft geht es wieder nach Norden und wir machen noch einmal in Anchorage Station. Am Karfreitag 1964 (am 27. März) hatte es hier in unmittelbarer Nähe das schwerste, je in den USA gemessene Erdbeben gegeben. Die Stadt wurde fast komplett zerstört und aus diesem Grunde findet man heute kaum historisches vor Ort.

Das nächste interessante Ziel ist um einiges entfernt und liegt etwas abgeschieden an der Südküste. Es gibt eine geografisch sehr lohnenswerte Stichstraße dorthin. Weltweit (traurig) berühmt oder eher berüchtigt wurde der abgelegene Ort an Alaskas Südwestküste durch eine der größten Katastrophen der jüngeren Seefahrtsgeschichte. Wir fahren nach Valdez. Hier in der traumhaften Fjordlandschaft war der Supertanker „Exxon Valdez“ am 24. März 1989 auf Grund gelaufen und hatte dabei ca. 160.000 Tonnen Rohöl an Bord und leider auch einen erheblichen Teil davon ins Meer vergossen. Davon sind (optisch) längst alle Spuren beseitigt und wir sind auch keine Katastrophentouristen, aber die tolle Landschaft um Valdez herum lohnt den Weg allemal!

Nach Süden wird die Fahrt schnell spektakulär, denn bald taucht in einem gewaltigen Gebirgskessel, im Rahmen eines Naturparks der Worthington-Glacier auf.

Klar, dass wir uns das aus der Nähe ansehen möchten und wir kraxeln über Geröll und Felsen, um die Eiszunge aus der Nähe zu bestaunen.

Auch hier taut es gewaltig und es beeindruckt, macht aber auch nachdenklich, welche Masse Wasser hier aus dem weichenden Gletscher abläuft.

Man überquert beim Wege nach Valdez dem ‚Thompson-Pass’ inmitten einer wildschönen Hochgebirgslandschaft. Dann fällt die Straße in den Küstenort relativ steil wieder in die grüne Vegetation ab, nicht ohne vorher einen engen Canyon mit einigen Wasserfällen zu passieren.

Valdez selbst ist als Ort nicht so besonders spektakulär, es gibt aber hier glücklicherweise einen „Safeway“ Markt zum Einkaufen, einen geschnitzten Riesenindianer und ein großes Tanklager (hier endet die Trans-Alaska-Pipeline).

Aber mindestens zwei Sachen lohnen, außer der tollen Landschaft, den Weg hierher: Erstens gibt es im Fjord hier eine große Lachszucht (engl. Salmon-Hatchery). Zehntausende der Lachse sind hier nach ihrem 3jährigen Wanderzyklus in der Bucht angekommen und die schiere Menge der vielen Tiere, die eigentlich zurück in das Zuchtbecken schwimmen möchten, bringen hier das Wasser des Fjordes optisch zum ‚kochen’. Wir staunen, ein unglaublicher, verrückter Anblick. Einige, einzelne Robben fressen sich hier vor unseren Augen kugelrund und sie wissen vor so vielen, glänzenden, zappelnden Körpern gar nicht, wohin sie zuerst schnappen sollen.

Zweitens: Durch einen Tipp unserer Reisebekannten Hilde und Peter aus Stuttgart (Danke!) fahren wir hier in ein Seitental zu einem kleinen Nebenfluss der großen Gewässer. Er heißt ‚Abercrombie Creek“ und von einer Brücke aus können wir (endlich!!) das langersehnte Schauspiel beobachten, dass wir bisher nur von Naturdokumentationen her kennen. Eine Grizzlymutter mit einem, schon recht gut genährten Jungen, jagt nach den in reichlicher Menge flussaufwärts schwimmenden Lachsen und sie machen vor unseren Augen reichlich Beute. Nur 30-40 Meter vor uns stürzen sich die Tiere mit geübtem Blick auf die Lachse und töten sie in Blitzesschnelle mit ihren Vordertatzen und gewaltigen Krallen. Sie werfen sich regelrecht auf die Lachse und fressen sich an den fetten Tieren satt, bis sie später – pappsatt - nur noch mit den toten Tieren spielen. Eine wunderbare Vorstellung der großen Kodiakbären, wie man sie auch nennt, und das in Freiheit und ohne irgendwelchen, künstlich herbeigeführten Shows. Damit hat sich für uns ein Wunsch erfüllt dieses Spektakel mal in der Wildnis von Alaska zu beobachten.

Auf der Rücktour ins ‚Kernland’ regnet es, so dass sich Gletscher und Canyon in einem Nebel- bis –Wolkengemisch verstecken. Weiter oben verschwinden dann die meist küstengebundenen, grauweißen Steppdecken zwischen den Bergen und wir haben bis auf einige Wolkenfelder einen guten Blick auf die schneebedeckten Fünftausender des „Wrangell-Mountains-Nationalparks“ im Süden.

Diese Bergkette stellt zusammen mit dem angrenzenden „Kluane National Park“ (auf dem Gebiet von Kanada) eine der letzten, größten, zusammenhängenden, vom Menschen noch unberührten, subarktischen Gebirgswildnis auf dem gesamten amerikanischen Doppelkontinent dar.

Die 2-3 sehr buckeligen Schotterpisten, die ein kleines Stück in diese Wildnis hineinführen, sind im Winter gesperrt - kein ‚Service’. Die Passstraße nach Valdez hat durch die reichlichen Niederschläge und die hohe Luftfeuchtigkeit (vom Nordpazifik) im Winter mit der rekordverdächtigen Schneehöhe von 22-25 Metern (!!) zu kämpfen, erfahren wir in dem Besuchszentrum und auch gute Reiseführer berichten über extreme Wettererscheinungen in dieser wirklich speziellen Gegend. Wir fahren einige Stichstraßen in diese wilde Landschaft und können einige Aufnahmen dieser Bergwelt machen.

Oft sind aber die Waschbrettpisten so schlecht, dass es - vor allem durch das Gewicht der Kabine - kaum noch möglich ist, weiterzufahren. Der Pickup allein hätte mit diesem Gelände bei moderater Fahrt keine großen Probleme, aber unsere 3,2 Tonnen, die sich Gewichtlich eher hinten konzentrieren, machen manche schwere Gravelroute zu einer unwägbaren Sache. Es knallt und rumpelt, dass man befürchtet jede Schraube dreht sich einzeln aus dem Gewinde raus, der Luftfilter muss Schwerarbeit verrichten und das Fahrwerk geht an seine Grenzen. Man muss einfach bei dieser Konstruktion mit voll ausgerüsteter Kabine ein wenig vorsichtiger sein als man es mit einem 12-15 Tonnen-Truck von MAN, IVECO, MAGIRUS DEUTZ oder VOLVO (u.a.) sein kann. Die vielen, verrosteten Autowracks an der Strecke sprechen Bände…

Die „letzten“ Tage in Alaska verbringen wir auf einer landschaftlich sehr schönen, aber auch sehr einsamen Strecke. Stundenlang kann man die „Einsamkeit“ fast spürbar genießen. Es gibt nur kleine Raststätten und einige „Ortschaften“ bestehen wieder nur aus ein paar Häusern oder einer Tankstelle. Da wir die Entfernungen zw. den größeren Versorgungsmöglichkeiten kennen, fragen wir uns schon aller wie viel Wochen oder Monate man zum Einkaufen fährt, von der Größe der Gefriertruhe wollen wir gar nicht reden. Die Entfernungen sind weit, da können schon mal mehrere Tage für einen „Ausflug“ zusammenkommen. Die schöne Seite für uns ist, dass wir nicht lange nach einem ruhigen Schlafplatz suchen müssen.

Die Alaska Rd. Nr. 1 geht erst nach Norden bis Tok, dann führt der Alaska Highway Nr. 2 nach Südosten und überquert beim kanadischen Beaver Creek erst mal die Grenze zum Yukon in Canada.

Wir werden auf dem Wege zur Südküste Alaskas noch mehrmals die Grenzen von BC, Yukon und Alaska passieren, aber darüber berichten wir im nächsten Teil. Jetzt verlassen wir erst mal Alaska und damit die USA in Richtung Haines Jct, Yukon.

zurück zur Weltreise 2011 - 2016
zurück zur Startseite
nächster Bericht