Französisches Flair oder Englische Krone ?

Von Quebec nach Ontario

(unsere Reiseroute)

Wir erreichen nordwärts, nach Verlassen der Provinz New Brunswick, als nächstes Quebec und freuen uns auf den Anblick des gewaltigsten Flusses von Nordamerika, dem St. Lorenz Strom.

 

Aber zuerst mal landen wir in so fetten Nebel, dass man kaum 50 Meter sehen kann. Wir fahren am Südufer Flussaufwärts und nach einer Dunkelstunde (Cool) und ca. 70-80 Kilometern weiter ist die Suppe endlich verflogen, gleichzeitig bietet sich uns das erste Bild auf das ‚Große Wasser’. Hier ist der St. Lorenz Strom immer noch einige Kilometer breit und die Berge drüben liegen noch ein wenig im Dunst, aber die Sicht wird immer besser. Schon ein gewaltiger Anblick. Der Strom hat am Unterlauf Dimensionen, als würde man am Ufer des Bodensees stehen. Die nördlichen Ausläufer der Appalachen sind zwar keine schneebedeckten Zweitausender, aber eine eindrucksvolle Szenerie ist das schon.

Wir erreichen die Randgebiete der Großstadt Quebec, die mit ca. 500.000 Einwohnern die zweitälteste europäische Kolonie in Amerika war, nach St. John’s (NB). Hier auf der Höhe von Quebec City, ist der St. Lorenz Strom schon deutlich schmaler geworden, aber immer noch so breit, dass erst hier die ersten Brücken darüber gebaut wurden. Alles weitere östlich davon muss kostenpflichtig per Fähre überquert werden.

Nahe dem Städtchen Levis, am Südufer des Stroms, gibt es einen kleinen Naturpark und einen Wasserfall zu sehen.

Den nächsten Tag planen wir komplett für Quebec-Stadt ein. Von weiter außerhalb, der Region Concordia, fahren wir mit Bus über den St. Lorenz Strom und ins Zentrum von Quebec. Die Stadt ist herrlich gelegen auf einem Berg mit Blick auf dem Strom und hat als einzige in Nordamerika einen richtigen, intakten Altstadtkern mit Festungsanlage. Man spricht französisch und von der kanadischen Zweisprachigkeit ist hier nichts zu merken, englisch wird kaum (?) verstanden und Straßenschilder, Hinweise, Fahrpläne, Erklärungen, Informationen sind grundsätzlich nur auf Französisch.

Zu dem langen Streit hier über die Unabhängigkeitsbewegung zur (sogar möglichen) Abspaltung vom Staate Kanada möchten wir uns an dieser Stelle nicht auslassen, das Thema ist zu komplex. Da hat es hier schon viel Ärger (mit Ottawa, Paris bzw. London) gegeben und man hat hier den (starken) Eindruck, dass sich die Bürger Quebecs manchmal französischer sehen als die Franzosen selbst. Falls das möglich ist. Zweifellos eine ganz ‚spezielle’ Nuance hier im Osten Kanadas.

Wir fragen uns trotzdem erfolgreich durch und sind begeistert von der Altstadt Quebecs. Das Wort soll aus der Sprache der Algonkin-Indianer kommen und ‚Kebek’ bedeutet ‚Engstelle’ (eines Flusses). Für den reisenden Geschichtenerzähler Charles Dickens war sie sogar das ‚Gibraltar Nordamerikas’, so begeistert war er von der Lage.

Es gibt eine Ober- und eine Unterstadt, die mit Treppen und einem Steilaufzug verbundenen sind. Über allem thront die Festung mit ihren Kanonen und das ultramondäne Luxushotel „Frontenac“, das schon 1893 eröffnet wurde. Man kann diese klassische Silhouette auch als das Wahrzeichen Quebecs bezeichnen.

Man fühlt sich tatsächlich eher in eine französische Stadt (in der Normandie oder Bretagne) versetzt und nicht in den Norden des amerikanischen Kontinents.

Auf dem Wege nach Südwesten finden wir dann Infos zu einem feuchten Naturspektakel: Bei gutem Wasserstand bildet der Montmorceny River, der von den nördlichen Bergen in den St. Lorenz Strom mündet, einen schönen Wasserfall, gar nicht weit von Quebec City. Das lassen wir uns nicht entgehen, der Ort ist ein wenig versteckt, kaum ausgeschildert, aber wir finden die Montmorceny Falls dann in einem Seitental versteckt. Diese sind immerhin 28 Meter höher als die weltberühmten Niagara Falls. Die Fälle hier haben natürlich nicht diese Wassermenge zu bieten, aber sie sind sehr schön anzuschauen.

Gerade mal eine Tagesreise entfernt liegt der Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 1976, Montreal.

Nach einem perfekten Sonnentag in Quebec City hatte uns in Montreal der Dauerregen erwischt. Nicht so im Sinne von Sturzfluten, aber ein ständiges, feuchtes Dröseln von grauem Modermulm ist auch nicht grade das Gelbe von Frühstücksei. Was soll’s: Auf nach Montreal!

In der zweitgrößten französisch sprechenden Metropole der Welt (na klar, nach Paris…) bietet es sich wieder einmal an, das dicke Fahrzeug im Außenraum der Stadt stehen zu lassen und mit der gut ausgebauten Metro ins Zentrum zu düsen. Man staune: Die Tageskarte hier, im sonst echt nicht billigen Montreal, kostet 9 Kanadische Dollar (ca. 6,50 Euro!) und bedeutet freies Benutzen der weitläufigen Bus- und Metrolinien für 24 Stunden, damit kann man leben.

Als wir die Röhren des Untergrundes wieder verlassen und durch die Altstadt gehen, hören wir schon von weitem das Heulen der Formel 1 Boliden, die aktuell auf der nahem Ille de Notre Dame ihre Runden drehen, heute ist zweites freies Training zum morgigen großen Preis von Kanada. Die gemessenen Abgaswerte in der Stadt sind dadurch wieder mal so hoch, das die ohnehin schon arg beunruhigten 1 PS-Tierchen hier ganz aktuell mit einer handelsüblichen Pferdeschnüffeltüte ausgerüstet worden sind. Ein skurriles Bild und ein Wink mit dem Auspuff an die Adresse von Herrn Ecclestone! Pferdchen mit Gasmaske, so was hat’s auf Zigarettenbildern aus dem ersten Weltkrieg gegeben, als man sich noch mit Gasgranaten beschossen hatte und die armen Viecher ja auch irgendwie schützen wollte.

Nun, zur Aufklärung unserer kleinen Lügengeschichte möchten wir betonen, dass die Tiere nur auf ihren leckeren Hafer rum kauen (und nicht von selbigen gestochen werden) und diesen ganz entspannt im Schnellfresssack Kopflastig tragen, bis dieser bei angehenden ‚Kahlfraß’ von Tankwart ausgetauscht wird, eine durchweg umweltschonende Methode. An der Beseitigung der Apfelförmigen, stark gewürzten Endprodukte dieses Transportsystems muss allerdings noch gearbeitet werden.

Die Neustadt Montreals ist eine seltsame Mischung aus modernen Wolkenkratzern und alten Kirchen. Ganz besonders schön - und irgendwie in starken Kontrast mit ihrer Außenansicht ist die ‚Basilique-Cathedrale Marie-Reine-du-Monde’, die von vorne eher wie ein klassischer Museumsbau wirkt. Noch dazu ist sie eingezwängt in eine Gruppe von Wolkenkratzern mit der typisch unpersönlichen Glasfassade. Kommt man dann in die weitläufigen Innerräume der Kathedrale, ist der Besucher schon von diesem Bau begeistert. Es ist sicher eines der schönsten und spektakulärsten von ca. 600 (!!) sakralen Bauwerken, allein in dieser Metropole. Daher gilt Montreal auch als „Stadt der 100 Kirchtürme“, auch wenn sich diese - in unseren Tagen - oft in der ausufernd modernen Architektur verstecken.

Auch die Lage der 1,6 Millionenstadt ist außergewöhnlich, sie liegt auf der Insel Ile de Montreal, und diese wird vom St. Lorenz Strom und dem Mündungsarm des Ottawa-Rivers umflossen. Im Ballungsgebiet leben mittlerweile schon fast 4 Millionen Menschen, und obwohl Montreal schon recht weit von Atlantik entfernt ist, hat die Stadt den größten Binnenhafen Nordamerikas.

Mehr Superlative? Zum Beispiel: Vorwiegend für die langen, kalten Winter hat man hier eine der größten ‚Underground-Citys’ der Welt geschaffen: Unter den Straßen den Neustadt erstreckt sich ein unterirdisches Shoppingparadies, das zum großen Teil miteinander verbundene System soll ca. 33 Kilometer lang sein und ist gerade in der kühleren Jahreszeit ein Treffpunkt zum Einkaufen und Essen gehen. Heute ist dort nicht allzu viel los. Wir testen die ‚unterirdischen Arcaden’ in der Region der Central Station und verfolgen gleich mal den Qualifikationslauf der Formel 1, den (natürlich, wie auch zum WM-Lauf) Sebastian Vettel mit erstaunlichen Abstand gewinnt.

Dann entdecken wir in einer Zeitung, dass (zufällig?) die Rolling Stones am morgigen Sonntagabend, auch im Rahmen ihrer Welttournee, hier spielen. Doch der interessierte Blick auf die Eintrittspreise des Spektakels lässt uns fast an unseren Essen ersticken: Also, entweder der Veranstalter ist kilometerweit ‚abgehoben’, oder die ‚Jungs’ um Mick Jagger sind nun vollkommen größenwahnsinnig geworden (oder von jedem etwas)! Man möchte gerne zwischen ca. 260 kanadische Dollar für die günstigsten, echt schlechten Plätze (seitlich und hinter der Bühne!) und 700-1.000 Dollar für „normale“ Plätze gegenüber haben. Der gesamte ‚Arena-Bereich’ ist so eine Art „Vip-Bereich“ und soll zwischen 1.700 und 1.900 Dollar kosten. Pro Ticket! Es handelt sich hier um ein einziges (!) Rock-Konzert und das ist traurig bis verrückt, eigentlich eher komplett Wahnsinnig. Wir vermuten, dass der „Formel-1-Zirkus“, wie sich die Riesenmaschinerie des hoch gezüchteten Rennsports gerne nennt, dort gute Kunden sein werden, die Rennställe mit ihren vielen Mitarbeitern und bestbezahlten Spezialisten können sich es am ehesten noch (problemlos) leisten, solche Utopiepreise zu zahlen. So ist möglicherweise der Termin gar kein Zufall. Viel Spaß bei einer Veranstaltung, wo die geschätzten 10 Minuten Einhundert Dollar ‚wert’ sein sollen und ein Gruß an die Stones, die dafür eigentlich komplett boykottiert gehören. Andererseits - machen die älteren Herren manchmal auch kurze, äußerst rare Überraschungsauftritte, wo sie nur um die 30-35 Euro verlangen, jeden Vorverkauf zum Kollabieren bringen und für fettes Extremgedränge sorgen. Sowie letztlich in Paris.

Für uns geht es weiter ‚über die Dörfer’ und durchs Hinterland in Richtung der kanadischen Hauptstadt, durch flaches Farmland mit den vielen, typischen, silbrig glänzenden Silotürmen und auch hier steht überall das Wasser auf den Feldern. Es kann längst nicht mehr normal ablaufen, auch in Nordamerika 2013 regnet es mehr, als es momentan gut sein kann.

Zu Ottawa: Königin Victoria war damals der Meinung, per legeren ‚Fingerzeig’ ein verschlafenes Holzfällernest, weit entfernt von der amerikanischen Grenze und den schon vorhandenen Metropolen zur Kapitale Kanadas zu küren: Ottawa.

Die Bundeshauptstadt liegt direkt an der Südgrenze Quebecs, am Ottawa River. Beim Erreichen der Stadtgrenzen sehen wir, dass Ottawa aktuell schon 900.000 Einwohner hat und gerade die östlichen Außenbezirke der Stadt machen einen chaotisch-heruntergekommenen Eindruck auf uns. Die Multi-Kulti-Rate ist extrem hoch, was an sich nicht schlecht ist, wenn es funktioniert! Wir sehen in den Randgebieten Ottawas aber so viel Dreck, marode, graue Mietskasernen und jede Menge Graffiti-vollgeschmierte Straßenzüge, wie wir sie hier nie erwartet hätten. Hier krachen die sozialen Gegensätze aufeinander. Wir fahren sehr nachdenklich durch diese Ortsteile von Ottawa und können teilweise kaum fassen, dass wir uns in der kanadischen Hauptstadt befinden sollen, solche Bilder hätten wir hier nicht erwartet. Es sieht eher aus wie in Detroit oder einigen Außenbezirken von Memphis. Weiter im Zentrum dann der Wandel, das typische Bild einer Verwaltungsstadt mit ihren durchaus repräsentativen Gebäuden.

Dieser Teil Ottawas gefällt mit dem gepflegten Parlament Hill und seinen Museen und Ausstellungen. Man ist hier eigentlich bekannt dafür, dass es einige der edelsten und besten ihrer Art in Kanada überhaupt gibt.

Wir nehmen eine Führung durch die ‚Royal Kanadian Mint’ (die königliche Münzprägerei) und sehen einige der weltweit schönsten Münzsätze. Hier werden erstmalig in dieser perfekten Qualität auch farbige Münzen hergestellt und die sehen weit spektakulärer aus, als man sich das vorstellt. Und neben den aktuellen kanadischen Münzsätzen kommen (als Auftragsarbeit) die kompletten, gebräuchlichen Münzsätze von weiteren, vielen dutzenden Staaten von hier, darunter viele afrikanische, aber auch Neuseeland, Tschechien und Südafrika lassen hier prägen. Das wussten wir (in dieser Größenordnung) nicht und sogar die Olympischen Medaillen kommen von hier, die nächsten Spiele haben schon bestellt…(!!) All das wird natürlich unter größtmöglichen Sicherheitsmaßnahmen durchgezogen und sogar auf deutschen Präzisionsmaschinen gerfertigt.

Der Baustil der Regierungsgebäude auf dem Parlament Hill ist eher mit wuchtigen, mittelalterlichen Schlössern zu vergleichen, in Zusammensetzung mit gotischen Kirchengebäuden. In jedem Falle eher englisch, als in irgendeinem Sinne amerikanisch, das soll hier klar zur Geltung kommen und wird eindrucksvoll bewiesen.

An nächstem Tage schüttet es wieder, dass das Wasser auf den Straßen dicke Blasen bildet und wir machen noch einen Museumstag.

Eines der umfangreichsten Museen überhaupt, in Reiseführern und bei allem Infos als Prachtstück bezeichnet, ist das „Museum of Civilisation“ (MoC) an Ottawa River, nördlich der Hauptstadt, also eigentlich auf dem Territorium von Quebec liegend. Da wollte wir eh’ hin, nur fiele das bei ‚Traumwetter’ immer etwas schwer, sich dann stundenlang in ein Gebäude zu verkrümeln. Heute Passt es.

Die Geschichte Nordamerikas, vorwiegend der letzten tausend Jahre wird dargestellt. Der Schwerpunkt liegt in der Kultur der Ureinwohner, die hier so eindrucksvoll wie sonst kaum je gesehen, gezeigt wird. In der ‚Grand Hall’ kann man sich tausende von Originalgegenstände der ‚First Nations’ ansehen, viele sind ca. 150 Jahre alt und die größte Sammlung von (teils riesigen!) Totems überhaupt gibt es auch zu bestaunen. Arrangiert ist alles wirklich fantastisch und mit einem ‚gutem Auge’ für edlen Stil. Es gibt so viel zu entdecken hier, dass man auch mehrere Tage diese Ausstellung studieren könnte.

Bei all dem Aufwand und der Begeisterung dafür vergisst man allerdings auch nicht die tragische Geschichte der vielen ‚First Nations’ und was alles an gesellschaftlichen Unrecht immer noch zwischen der ‚modernen Zivilisation’ und den Ureinwohnern passiert. Und das nicht nur in Gesamt-Amerika…Für uns trotzdem die beste und reichhaltigste Sammlung dieser Art, die wir weltweit an einem Platz sehen konnten.

Natürlich geht es im MoC auch ausführlich um das Kanada der Kolonialzeit, die Erschließung des Kontinentes, Szenen aus jüngerer Vergangenheit und Gegenwart, auch eine Voodoo-Ausstellung ist als Gegensatz und Präsentation afrikanisch-kreolischer Kultur aktuell im MoC zu sehen.

Wem es noch nicht reicht, der kann für Extraschotter ein IMAX-Kino besuchen, die gibt es in Nordamerika noch reichlich (die IMAX-Technologie kommt ja aus Toronto), während diese Großleinwände ja in Mitteleuropa langsam aussterben, schade eigentlich. Hier geht man immer mehr dazu über, in den IMAX-Kinos die aktuellen Hollywood-Produktionen zu zeigen und die eigentlich für das Haushohe IMAX-Format gemachten, grandiosen Naturfilme werden immer weniger. Wenn wir darüber nachdenken, wie viele der wirklich einzigartigen Landschaftsfilme wir in den 90er Jahren im Münchener IMAX-Kino (RiP!) sehen konnten, kommt einem der Umschwung zu ‚normalen’ Kinofilmen so etwas wie geistiger Dünnschiss mit der Tendenz zum Killen des Anspruchs vor. Um „Baller und -Actionstreifen“ zu sehen, braucht es unserer Meinung nach kein IMAX! Das ist sicher wieder so eine tolle Manager-Idee.

Wir verlassen die kanadische Hauptstadt mit gemischten Gefühlen und unser Fahrzeug wird vom Land- fast zum Amphibienfahrzeug, als es weiter durch den Dauerregen in der Provinz Ontario geht. Es wird offiziell wieder überall englisch gesprochen, also auf nach Toronto und Umgebung.

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