Durch‘s Mississippi-Delta bis Memphis

(unsere Reiseroute)

Der Nordosten von Texas ist dann wieder sehr ‚ländlich’ geprägt und wir passieren Ryan, Lufkin und Trinity. In Ryan wird für eine ‚Historic Old Town’ geworben und wir düsen also gleich mal dorthin. Im Zentrum weit und breit kaum etwas Historisches zu finden und da haben wir schon gar keine ‚europäischen Maßstäbe’ angesetzt. Nee, hier ist rein gar nix besonderes zu finden.

Texarkana, an der Grenze zu Arkansas, gibt es gleich 2mal als eigene Stadt in beiden Bundesstaaten. Nur ist sie auf texanischer Seite größer und der Übergang fließend und bevor man sich versieht ist man schon in Arkansas.

Ein wenig später kommt man an der Interstate Nr.30 an das ‚Welcome-Center’ und wird freundlich begrüßt. Wieder gibt es Kaffee (sehr selten mal Tee) und Infobroschüren, auch eine gut brauchbare Straßenkarte ist dabei. Der Heimatstaat von Ex-Präsident Bill Clinton ist sehr stolz auf seinen berühmtesten ‚Sohn’ und bis vor kurzem wurde man an den Grenzen noch auf diesen Fakt schriftlich hingewiesen. Ansonsten geht es relativ ruhig zu im selbsternannten „Natural State“. Mit landschaftlichen Sensationen oder großen, berühmten Metropolen kann man eher weniger aufwarten.

Wir suchen erst mal eine Füllmöglichkeit für unsere Gasflasche und stellen fest, dass der überall präsente Walmart leider nur (viel zu große) 15-Kiloflaschen tauscht. Unser kleineres (11Pfund) Format gibt es bei den vielen, verschiedenen Märkten nirgends zu tauschen. Wir erfahren aber, dass es z.B. „Independent Propane“ gibt, die füllen alle möglichen Größen. In Malvern/AR finden wir eine Filiale und bekommen schnell und problemlos das Gas aufgefüllt, na also!

Nach einigen Stunden erreicht man die zentrale Hauptstadt Little Rock. Man hat hier ein sehr schönes Capitol, die Gegend drumherum ist sauber und gepflegt, aber ansonsten ist hier nicht viel geboten. Little Rock macht den Eindruck einer (fast) ausgestorbenen Stadt und die Straßen sind wieder rumplig und schlecht. Nun, ein richtiger Tipp wird wohl nicht daraus.

Wir halten uns wieder nach Süden. Die Temperaturen sind die letzten 1-2 Tage um fast 25! Grad Celsius gefallen, denn vom Norden her kommt eine fette Kaltfront und nachts geht es auf unter Null runter. Die Prognosen haben hier bisher immer recht genau gepasst. Da hat sich einiges getan bei der Wetterforschung, alle Achtung!

Über Pine Bluff geht die Reise wieder nach Louisiana und wir passieren viele, sehr arme Siedlungen mit winzigen, kleinen Häuschen, an vielen Stellen liegt Müll rum. Ganz besonders ein Ort Namens Tallullah hat es uns (nicht!) angetan. Er strahlt eine eigenartige, äußerst bedrückende Atmosphäre aus, was wir an allem möglichen Ecken und Plätzen spüren. Hier liegt irgendeine schlechte Spannung in der Luft.

Unser Gefühl sagt uns, dass wir hier nicht bleiben möchten, also fahren wir über den Mississippi River und landen in Vicksburg. (Tolle Namen haben die hier - aber einen gleichnamigen haben wir im Norden Lesothos - im Oranje Free State, in Südafrika auch schon gehabt, nur mit ‚F’ am Anfang).

Man hat einige Casinos hier, denn Glücksspiel wird in diesem Bundesstaat großgeschrieben.

Weiter südlich liegt Natchez und wir besuchen das Infozentrum. Früher war hier ein wichtiges Zentrum der Baumwollindustrie. Obwohl der Mississippi an seiner Mündung über kein riesiges Delta verfügt wie z.B. der Amazonas, sondern eher sehr tief statt breit gegraben hat, nennt man diese Gegend „Mississippi Delta“. Der gewaltige Fluss ist die Lebensader der gesamten Region.

Hier spielen die berühmtesten Geschichten von Mark Twain, der ja eigentlich bürgerlich Samuel Langhorne Clemens hieß und diesen kulturellen wie ethnischen Schmelztiegel mit ‚Tom Sawyer und Huck Finn’ verewigt hat. In Natchez lebt auch der in Deutschland geborene Schriftsteller Greg Iles, der den Ort in 2-3 seiner Bücher recht bekannt gemacht hat.

Wir sehen uns die Sumpfgegend um Alexandria in Louisiana an und den Indian Creek State Park.

.

Inmitten von riesigen, amerikanischen Wohn-Schlachtschiffen kommt uns unsere Esmeralda wie ein Schneckenhaus vor. Die Camper bringen ihren kompletten Hausstand mit. Für ein Wochenende werden Teppiche ausgelegt, die Heizpilze aufgebaut, Boot und Segway, Jeeps und Quads werden ausgeladen. Und es geht rund hier, von Ruhe und Erholung ist nicht immer viel zu spüren, ständig röhren Motoren und fast ein jeder präsentiert seine Outdoor-Ausrüstung. Manche ‚Sommerfrischler’ übertreiben das in einem Maße, dass wir uns erstaunt wie leicht belustigt fragen, ob die Leute hier eine Schulklasse/ Pfadfindertruppe für Wochen oder Monate beschäftigen, versorgen und unterhalten möchten. In manchen, der für europäische Verhältnisse kaum noch ‚normal’ zu manövrierenden Wohnbusse vermuten wir eine kleine Kegelbahn eingebaut - der Platz könnte reichen. Aber imposant sind die Teile zweifellos und wenn der Platz und das „Kleingeld“ vorhanden sind, warum nicht, auch das versteht man hier unter individueller Freiheit.

Eine interessante, teils sehr ruhige Strecke am Mississippi entlang nach Norden fahren wir dann auf Seite des Bundesstaates Louisiana.

Nachdem wir uns durch kleine, verschlafene Orte und flaches Weide- und Farmland mit Speichertürmen und großzügigen, weißen Herrenhäusern manövriert haben, kommen wir wieder zum Fluss, der hier nirgendwo eine Brücke zum überqueren bietet, erst wieder 40-50 Meilen nördlich.

Die Straße Nr. 15 führt zum großen Teil auf einer gewaltigen Dammkrone entlang, mit guter Sicht ins Land. Nach den schweren Überschwemmungen des letzten Jahrhunderts bis in die 90er Jahre hinein, hat man den Fluss mit mehrfachen, komplizierten Schutzbauten versehen. An und auf dem Highway Nr. 15 bekommt man einen guten Eindruck und wir hoffen, dass die Qualität der umfassenden Sicherheitssysteme, Schleusen und Kanäle besser ist als die der mittlerweile maroden und besonders in Louisiana immer wieder katastrophal schlechten Straßen. Auch die 15 ist wieder so ein Beispiel. Weiter nördlich vor Vidalia wird es dann besser und wir müssen mit Esmeralda nicht mehr ständig um die vielen Risse und Schlaglochkrater kreiseln. Puh!!

Im viel angenehmeren, ruhigen Natchez State Park (Mississippi) gefällt es uns besser, man fühlt sich noch wie in der freien Natur. Hier beginnt eine der schönsten Panorama-Straßen durch 3 südliche Bundesstaaten, der Natchez Trace. Verwaltet und gepflegt wird dieser ‚Parkway’ durch den amerikanischen Nationalparkservice.

Der Trace führt vom Mississippi durch eine kleine Ecke Alabamas nach Nashville, Tennessee und ist ein 444 Meilen langer, reiner Naturkorridor ohne Orte und Ampeln, Stress und Leuchtreklamen. Er ist gesperrt für ‚Öffentliche Fahrzeuge“ aller Art, den Parkservice natürlich ausgenommen. Es ist eine alte, ehemalige Handelsstraße, die einmal hier entlang führte, jetzt gibt es Wanderwege, historische Punkte und alte Städte (abseits des Trace’s) aus der Zeit des Bürgerkrieges zu besichtigen. Viele, bedeutende und blutige Schlachten haben im ‚Civil War’ hier getobt und manche Orte wirken fast leer.

Alles liegt ein wenig abseits vom Trace, aber meist nur 3-5 Meilen davon weg. Plantagenhäuser im feudalen Stil und alte General Stores säumen die Straßen mit ihren großen Alleen von ausladenden Bäumen und behangen mit den als ‚spanisches Moos’ bezeichneten, flauschigen, fast grau-watteartigen Büscheln, ein typisches Bild für die Südstaaten.

Das ganze Osterwochenende bleiben wir auf dem Natchez Trace und erst nach Tupelo biegen wir nach Nordwesten ab. Es gibt sogar einige, gepflegte freie Campingplätze, die vorbildlich angelegt sind, mit Trinkwasserversorgung, Toiletten, Picknickplätzen, einem Visitorcenter und vielen historischen Punkten zum Besichtigen. Selbst von der Hauptstadt Jackson merkt man kaum etwas, obwohl der Trace das umfangreiche Stadtgebiet mehr als nur tangiert, sondern einige Meilen sozusagen durchgeht, es bleibt ein nahezu perfekter, grüner Korridor.

Auf einem Camp, wir kommen erst in der Dämmerung an, ist natürlich schon alles voll besetzt. Wir fragen natürlich zum Teilen eines der großzügigen Plätze und treffen die beiden Schweizer Mario und Stefanie mit ihren Landrover-Jeep Defender, die schon seit Herbst letzten Jahren in Nordamerika unterwegs sind und auch wie wir ihr Fahrzeug mit Seabridge von Hamburg verschifft haben, allerdings nach Halifax, Nova Scotia, Kanada. So können wir Straßen/Park-Karten und Erfahrungen austauschen. Die beiden haben noch Freunde dabei und wollen in die Gegenrichtung, nach Süden. Immer wieder schön, Gleichgesinnte zu treffen und europäische Nummernschilder hier zu sehen, war auch für uns bisher eine große Seltenheit.

Nicht selten kommt es vor, dass manche Autos beim Überholmanöver plötzlich langsamer werden und lesen, was da an unserer Pickup-Kabine geschrieben steht. Einige Trucker hupen und grüßen dann auch mal spontan. Es begegnet uns fast überall freundliche Neugier, woher denn das Fahrzeug mit dem ‚eigenartigen’ Nummernschild kommt. So kommt man kurz ins Gespräch. Auch wird uns immer wieder gesagt, dass dieser Typ Mitsubishi hier in Amerika nicht gebaut bzw. verkauft wurde. Unsere 2005er Version schon gar nicht. Und dass D für Deutschland steht, nicht für Delaware, Dänemark oder die Dominikanische Republik. Weiter geht’s nach Norden.

Die Kleinstadt Tupelo würde wohl heute kaum jemand kennen, wenn nicht…(??) ja, wenn nicht 1935 ein gewisser Elvis Aaron Presley hier geboren worden wäre. Früh ging die Familie Presley auf der Suche nach einem besseren Leben in die ‚große Stadt’ Memphis, aber Tupelo lebt gut mit der Legende. Wir sind beide keine ‚Elvis-Fans’, aber gerade einmal hier, schauen wir natürlich kurz dort vorbei, klar.

Weg vom Elvis-Kult gibt es mit dem „Tombigbee“ einen kleinen, niedlichen State Park, wo wir über Nacht bleiben können. Die resolute Rangerin fragt uns fast ein Loch in den Bauch über das ‚Woher und Wohin’ und alle möglichen und unmöglichen persönlichen Daten. Hoch lebe die Bürokratie!

Weiter westlich, an der Grenze zu Arkansas, Mississippi und Tennessee liegt die Geburtsstätte des amerikanischen Rhythm & Blues und Hauptumschlagplatz des Transportgiganten FedEx: Memphis. Die Großstadt am Old Man’s River hat fast 650.000 Einwohner und eine bewegte Vergangenheit. Immer wieder in letzter Geschichte gab es starke Zu- und Abwanderungen im Mischungsverhältnis zwischen Schwarz und Weiß, das moderne Zentrum ist wie leider fast überall etwas leer und ‚kühl’. Das ‚normale’ Leben in der Peripherie aber ‚brummt’ gewaltig, wie es sich für eine sehr geschäftige City gehört.

Martin Luther King wurde hier 1968 im Lorraine Motel erschossen und die Folgen waren jahrelange Aufstände und Straßenkämpfe. Elvis Presley lebte hier bis zu seinem Tod 1977 und das weltberühmte Grundstück mit dem Namen „Graceland“ liegt ein wenig außerhalb des Zentrums, mittlerweile ‚eingebaut’ in die typischen Shoppingcenter, Schnellrestaurants und Tankstellen.

Am Rande, das war einmal, längst ist die große Stadt über die alten Grenzen hinaus gewuchert. Ein gewaltiges Geschäft wird mit dem Erbe der Presleys immer noch gemacht, es gibt ein „Heartbraek Hotel“, dutzende Souvenierbuden, Filme, Plastik, Glitter, Bilder, CDs für die Fans, dass man einige Lastwagen füllen könnte. Thomas hatte in den 80ern mal einen Kinofilm über die letzten Jahre des Rock’n Roll Stars gesehen und war davon ordentlich schockiert, das waren keine ‚schönen Bilder’, was da in dieser Zeit abgelaufen ist!

So können wir nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, was sich heute hier so abspielt, und das ca. 40 Jahre nach dem großen Elvis-Hype der 70er Jahre. Wir verzichten gerne auf einen Besuch von Graceland. Die Leute werden - das ist der Hammer - in klimatisierte Shuttlebusse verfrachtet und den Weg von 10-Dollar-Parkplatz über die Straße zur weißen Villa auf dem Hügel gegenüber gebracht. Keiner soll (und darf) die ca. 500 Meter laufen. Wer’s mag. Am Elvis Presley Blvd. stehen die beiden vom Künstler erworbenen Flugzeuge, das größere davon seiner Tochter Lisa Marie gewidmet.

Wir fahren zum Mississippi und dem recht neu aussehenden Visitorcenter, es gibt einen großen Parkplatz, sogar für WoMo’s, na also. Das Wetter hier zum Osterfest ist auch nicht berühmt, 6-8 Grad, teilweise Nieselregen und ein kalter Wind fegt durch die Wolkenkratzer der Downtown.

Wir schauen mal ins Baumwollmuseum (seit 1924 war hier die Baumwollbörse präsent) und finden später die Gegend um die Beale Street. Vom Gefühl her – hier und heute – ist es die einzige Gegend, wo im Zentrum etwas los ist und buntes Leben mit Kneipen, Hard Rock Cafe, Museen und Ausstellungen zu finden ist.

Gibson baut hier immer noch seine Gitarren und es gibt eine ‚Blues Hall of Fame’ und diverse Studios. Viele Rock-, Soul- und Blues-Musiker leben immer noch in und um Memphis.

Die vielen Produktionsstudios und das geschichtsträchtige Umfeld hat die Stadt zu einem Musikzentrum neben Los Angeles und Nashville gemacht. Und letztgenannte Stadt ist auch unser nächstes Ziel.

Nach 2-3 gruselig nass-kalten Regentagen kommen wir bei endlich frühlingshaften Temperaturen in der Hauptstadt des Bundesstaates Tennessee an. Und das sich hier alles um Country-Musik dreht, hat sich ja schon lange bis Europa rumgesprochen, darüber schreiben wir aber im nächsten Teil.

zurück zur Weltreise 2011 - 2016
zurück zur Startseite
nächster Bericht