Polen ab 23.08.2012

Nur aufs Ziel zu sehen,
verdirbt die Lust am Reisen.
alias Freimund Raimar,
deutscher Dichter, Lyriker

(Karte)

Als wir nach Polen kommen, ändert sich schlagartig die Verkehrssituation. Vorbei ist es mit der Ruhe, denn es ist viel LKW-Verkehr unterwegs und es gibt gerade im Nordosten keine Autobahnen. Die Landstraßen sind überlastet und in teils sehr schlechten Zustand, die schweren Fahrzeuge drängeln, jagen, hupen, was das Zeug hält. Es wird draufgehalten, unverantwortlich und gefährlich überholt, sodass wir meinen in einem ganz schlechten Film zu sein! Die vielen Kreuze am Straßenrand zeugen von den Folgen der Situation. Wir wollen (und können) auch die letzten Kilometer unserer Reise nicht rasen und werden immer wieder von den LKWs regelrecht angegriffen. Wir haben den Eindruck, dass unser deutsches Nummernschild auch nicht gerade zur Beruhigung der Lage beiträgt. Manchmal können wir auf einigen ruhigen Abschnitten etwas Ruhe finden. Sehr nervig sind die größeren Städte, die vollkommen ohne Umgehungen und Entlastungen auskommen müssen. Lomza zum Beispiel: Alles staut, steht und wälzt sich im Schritttempo durch die alten Fassaden, wirklich schöne Plätze oder Orte gibt es kaum auszumachen.

Nach Ostrov-Mazovika finden wir nach längerer Suche und einigen Waldwegen eine kleine Kirche mit Stellplatz auf einer Lichtung und wir können kurz vor Warschau pausieren.

Nach einer angenehm ruhigen Nacht geht es weiter, wir wollen auf kürzestem Wege durch die polnische Hauptstadt Richtung Kraków weiter, nach Möglichkeit nur auf Stadtautobahnen um Warschau drum herum. Das Navi funktioniert kaum noch zuverlässig und alles scheint frisch umgeleitet zu sein. Abfahrten sind gesperrt, geplante Wege gar nicht möglich, die riesige Stadt ist eine einzige Baustelle und immer wieder Umleitungen. Überall wird improvisiert, Löcher und Stolpersteine wechseln mit kaputt gefahrenen Asphaltresten. Wir werden durch viele Kilometer Chaos geschickt und müssen uns auf kleinen Nebenstraßen wieder raus manövrieren, das kostet uns reichlich Nerven und viel Zeit, es ist schwül, gewittrig, laut, staubig, nach Stunden der gefühlten Verarschung sehen wir uns weiter auf dem Weg nach Süden. Endlich!

Nach vielen weiteren Baustellen fahren wir nördlich von Kraków ab ins Grüne und suchen uns einen Platz zum Übernachten. Wir sind uns mittlerweile sicher, dass wir nicht länger als nötig in diesem Lande bleiben möchten, dazu haben wir, seit wir in Polen sind, schon zu viel extrem nervigen Verkehr erleben müssen. Positive Momente gibt es eher kaum.

Am nächsten Tage kommen wir nach Kraków und steuern erst mal einen Zeltplatz außerhalb des Zentrums an. Soweit ist erst mal alles normal, Platz und Einrichtungen sind ok, das Internet WiFi sogar allerbestens. Wir können am nächsten Tag die schöne und sehenswerte Altstadt an der Weichsel erkunden und fahren mit dem Stadtbus ins Zentrum. Kraków ist Hauptstadt der Woiwodschaft Kleinpolen und hat eine dreiviertel Millionen Einwohner.

Es beherbergt die zweitälteste Universität Mitteleuropas und ist auch die zweitgrößte Stadt des Landes. Unser östliches Nachbarland hat mit knapp 313.000 qkm ca. 85% der Fläche Deutschlands und als Währung noch den Zloty. Wenn man das Land diagonal durchquert, kommen schon einige Kilometer und Zeit zusammen, besonders, wenn man nicht so gut vorwärts kommt. So wie sich der diesjährige Sommer allgemein schon recht feucht präsentiert hat, regnet es auch in Kraków drauflos. Wir sind zwischen den Schauern in den Straßen des teils aufwändig restaurierten historischen Zentrums unterwegs.

Natürlich gibt es viele Kirchen in dem hauptsächlich katholisch geprägten Land und die Sonntagsmessen sind gut besucht.

Reichlich Restaurants und Souvenirgeschäfte säumen die alten Straßen.

Man bekommt zwar Postkarten (im Email-Zeitalter immer weniger, eigentlich schade), aber die unbedingt benötigten Briefmarken nirgendwo. Nach einigen, nicht sonderlich freundlichen Absagen geben wir es auf, in Polen am Sonntag Postwertzeichen kaufen zu können. Keine Chance, denn in den Läden bekommen wir den Eindruck, dass wir fast ‚unverschämtes’ verlangen, so rigoros und unfreundlich sind die Absagen.

Als wir am Ende unseres Stadtrundganges beim „polnischen Italiener“ eine ‚vollkommen’ trockene, dünne, fast keksartige Pizza serviert bekommen (die schlechteste, solange wir uns erinnern), fahren wir erst mal wieder raus zum Camp und kochen oder brutzeln für den Rest wieder selber. Nur zu gut, dass wir auf solche ‚kulinarischen Highlights’ nicht angewiesen sind.

Für den Sonntagabend erleben wir eine schöne Überraschung und das erste (und leider einzige) Prog-Konzert unserer aktuellen Tour von Weltklasse: Die englische Band NO-MAN mit ‚Mr. Porcupine Tree’ Steven Wilson spielt heute in der Clubszene der Weichselmetropole. Der Studentenclub ist prall gefüllt und die 7 brillanten Musiker spielen ein faszinierendes Liveset mit beeindruckenden Einzelleistungen, besonders Steve Bingham an der Violine gibt sein Bestes. Die teils ruhige, teils sehr emotionale Musik mit keltischen Momenten, langen Gitarrenparts und die einmaligen Stimme von Tim Bowness nimmt uns gefangen, die Stimmung im Saal ist euphorisch, die Band wird gefeiert. Die Rock- und Progszene in Polen ist in den letzten Jahren immer mehr gewachsen und es gibt sehr viele gute, neue Bands, die es vom Anspruch her durchaus mit der internationalen Szene aufnehmen können. Klar, Insider wissen das schon lange, aber vielleicht ist das manchen interessierten Musikkenner auch nicht ganz so bekannt. Immer mehr namhafte Acts aus England, Holland, Deutschland und den USA sind hier unterwegs auf Tour oder produzieren ihre neuen Werke in Polen, audiovisuell und auch musikalisch.

Die 2 Stunden Konzert sind viel zu schnell vorbei, wir erwischen den letzten Bus zum Zeltplatz und beschließen den Tag mit einem Glass Wein. Als wir am nächsten Morgen westwärts fahren, beschließen wir noch einem Umweg in eine landschaftlich schöne Gegend und zu einem berühmten Bauwerk zu machen. Wir biegen vor Breslau nach Süden ab und fahren ins polnische Riesengebirge.

Bevor wir dann am Abend, an einem schönen Sommertag in Jelena Gora ankommen, durchqueren wir teils uralte, verfallene, wie verlassen wirkende Dörfer, in denen die Zeit seit 20-22 Jahren stillzustehen scheint. Eine große Änderung zu den Verhältnissen von vor 1990 ist kaum zu finden, die wenigen Reklameschilder und moderneren Autos wirken wie aus einer anderen Welt. Unsere Esmeralda wird von den vielen, vor allem älteren Menschen, gemustert wie ein Relikt von ‚ganz weit weg’.

Als wir nächsten Tag in der bergigen Gegend von Karpacz ankommen, staunen wir wiederum über die vielen neuen Häuser, man ist ganz plötzlich in einem sauber-teuren Urlaubsort angekommen, die Szenerie könnte so auch aus einem kleinen, österreichischen Alpental stammen. Schmucke, gepflegte Holzhäuser, Berghotels, Pensionen, internationale Kneipen, zig’ Reisebusse, enge Straßen, wenig Parkplätze. Nach allem, was uns so in den letzten 800 Kilometern begegnet ist, wirkt Karpacz fast wie in einem anderen Land.

Da wir ja nun gerade aus dem Lande der Stabkirchen, Norwegen, auf weitem Wege wieder in Mitteleuropa angekommen sind, möchten wir eine spezielle Sehenswürdigkeit nicht versäumen - nicht ohne festzustellen, dass die Umgebung von Karpacz natürlich auch sehenswert ist.

Es war im Jahre 1841, als der preußische König eine der schönen, hölzernen Stabkirchen – die Stabkirche Wang - erworben und vor dem Verfall gerettet hat und im damaligen Krummhübel, im polnischen Teil des Riesengebirges wieder aufbauen ließ. Das architektonische Kleinod steht heute im ca. 800 Meter Höhe mit herrlicher Aussicht. Beim Bau sowie beim Wiederzusammenfügen das sakralen Bauwerkes wurden keine Metallnägel verwendet, die reichen Schnitzereien zeigen Motive aus der Wikingerzeit und der Name der Kirche kommt von ihrer Ursprungsgegend in den norwegischen Bergen: Vang.

Das Meisterstück des altnorwegischen Holzbaus lockt heute fast jeden Tag tausende von Besuchern in den kleinen Ort. Es werden Führungen veranstaltet und über die Geschichte der Kirche berichtet. Schon mal ein gelungener VORmittag.

Als wir am Nachmittag die eigentlich nur ca. 100 km in unsere alte Heimat problemlos zurücklegen wollten, schlug Murphy mit seinen Gesetzen (unser alter Bekannter von vielen Reisen durch nah und fern) wieder einmal erbarmungslos zu. Die Strecke sah (auf den ersten Blick) eigentlich recht übersichtlich aus, als wir auf relativ kurzem Wege wieder Richtung Westen in die Berge der sächsischen Oberlausitz düsen wollten. Aber es kommt manchmal auch anders, denn es war kaum eine Strecke von 5 km normal zu fahren, überall Sperrungen, teils ganz schlecht ausgeschilderte Umleitungen. Esmeralda kämpfte sich über Neben-neben-neben-„Straßen“ durch Wälder und noch nie gehörte oder gesehene Dörfer. Oft dachten wir (wenn es nicht so weit östlich gewesen wäre) bald an einem Schild mit der Aufschrift ‚Ukraine 25 km’ rauszukommen oder im Kreise zu fahren oder in einer der noch vorhandenen, großen Abraumhalden der Kohlegruben zu landen, die diese Gegend immer noch schmücken. Immer wieder stehen wir vor gesperrten Straßen, drehen uns um uns selber, fahren zurück, suchen neue Wege zu größeren Pisten. Sage und schreibe über 4 (!!!) Stunden sind wir im polnischen Hinterland-Chaos unterwegs, bis wir am Nachmittag, so gegen 4 wieder die Neiße überqueren und die Kreisstadt Zittau im Dreiländereck erreichen, bei geschätzten dutzend Umfahrungen von Baustellen.

Nach gefahrenen 21.483 Gesamtkilometern (Europakarte) kommen wir wieder an unserem Ausgangspunkt Oderwitz an und müssen erst mal die letzten der vielen Kilometer vergessen. Wir vergessen NICHT, dass wir gut und im Ganzen durch dies alles gekommen sind, relativ gesund und auch das treue Fahrzeug immer technisch tadellos durchgehalten hat. Nur Polen hat einige (symbolische, verzweifelte) Bisse im Lenkrad und mittlere Kerben in unseren Nervenkostüm hinterlassen. Wir sind immer positiv an die Regionen, Ziele unserer Reise herangegangen. Manchmal kommt eben auch einiges an kleineren Unglücklichkeiten zusammen – Unglücke gab es nicht, und das ist das Wichtigste. Es wurde uns auch in Polen nichts entwendet (wie manche vielleicht dachten Zwinkernd), wir haben es auch gar nicht dazu kommen lassen.

Fazit: Insgesamt bleibt, mit ein wenig Abstand, ein überwältigender Eindruck unserer großen Runde um und durch unseren ‚alten Kontinent’ Europa. Bis auf wenige Ausnahmen immer am Meer entlang ging die Tour durch insgesamt 15 Länder inklusive Deutschland und Gibraltar. Wir haben in Spanien, Frankreich und Norwegen die anteilig meisten Kilometer gefahren und die landschaftliche, klimatische, kulturelle Vielfalt Europas in weitem Teilen versucht kennen zu lernen und genossen.

Die Unterschiede, die Gegensätze, die Gemeinsamkeiten, Vorteile und Nachteile einer europäischen Union. Nicht zu vergessen den europäischen Südteil, den wir natürlich auch auf einigen anderen, alten Touren in den vergangenen Jahren befahren haben. Neben den fantastischen, weiten Landschaften Skandinaviens, vor allem Norwegens, der Kultur und den alten Städten von Portugal über Spanien bis Frankreich und den Seengebieten der Niederlande (und nicht zuletzt Deutschlands Nordseeregion!) hat uns vor allem am Besten gefallen, das die nervigen, sinnlosen und zeitraubenden Grenzen endlich gefallen sind! Und wir werden immer wieder dazu gefragt. Wir sollten nie vergessen, was der traurige und idiotische ‚Eiserne Vorhang’ für Europa einmal bedeutet hat, wissen noch gut, dass dies auch mal ganz anders war und hoffentlich in dieser Form nie wieder auftaucht. Wir haben recht überschaubare Mittel umgesetzt, waren mit 12,34 Liter pro 100 km (Durchschnitt) recht wirtschaftlich unterwegs, wenn man bedenkt, was Esmeralda da auf dem Rücken ziehen und bugsieren musste. Wir haben 2.644 Liter Diesel gebraucht für unsere Reise und dabei streckenbedingt 23 Ländergrenzen überfahren, da wir z.B. in Belgien und den Niederlanden schon mal einem ‚Bogen raus hatten’, auch auf der Suche nach Orten oder Camps in Grenzregionen. Alles fließt ja gerade dort nahtlos positiv ineinander. Wir haben einen Satz 265er M&S Reifen verbraucht, insgesamt 2 Ölwechsel durchgeführt und eine größere Reparatur (Radbolzen) machen müssen. Das günstigste Diesel gab es in Polen und Gibraltar mit ca. 1,25 Euro pro Liter, aktuell das teuerste im Öl-Land Norwegen, im dortigen Norden haben wir schon mal 1,89 berappen müssen, aber auch auf der Lofoten-Inselkette Preise von ca. 2,25 Euro erspäht. Brrr! Quo vadis – Ölpreise? Alles in allem aber eine sehr gelungene Veranstaltung.

Wir bedanken uns schon mal bei unseren Gästen auf unsrer Homepage für das Interesse und den kleinen, persönlichen Rekord - der schon über 25.000 Zugriffe. Das hätten wir nie erwartet. Aktuell sind es jetzt über 3.000 Fotos auf unseren Seiten, wir arbeiten auch weiter an den Berichten über ca. 20-25 weitere Touren aus der Vergangenheit, die Daten sind alle noch recht gut präsent, alte Fotos gescannt, viele Erlebnisse sind noch niederzuschreiben.

Momentan ist viel auszuwerten und zu organisieren. Die Große Tour wird weitergehen, bis bald auf travelonmusic.de.

DANKE

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