Finnland ab 15.08.2012

Abgetretene Schuhe erzählen mehr,
als mancher Reiseberichterstatter.
© Martin Gerhard Reisenberg, (*1949),
Diplom-Bibliothekar und Autor

(Karte)

Vom Läppischen bis an die Ostsee

Nach vielen Waldlandschaften in allen Ausführungen und endlosen Weiten des schwedischen und äußersten Nordens überqueren wir das Grenzgewässer, den Fluss Tornealven, und sind wieder im Euroland, in lappischen Finnland.

Gleich hinter der Grenze liegt das Städtchen Pello und wir können unseren, diesmal fast total leeren, Tank wieder füllen. Die Preise in Suomi liegen schon mal etwas angenehmer unter denen der westlichen Nachbarn und sind noch unter der 1,50 Euromarke für Diesel. Noch. Aber über so einen Betrag freut man sich, wenn Kraftstoffpreise, vor allem in Norwegens entlegenen Norden, schon mal deutlich über die 2 Euro-Grenze gingen.

Vom verschlafenen Pello geht die Reise nach Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands und seit einiger Zeit auch offizieller und repräsentativer Sitz des Weihnachtsmanns, seiner Werkstätten und vor allem seines Postamtes. In diesem Amt wird jedes Jahr Post aus aller Welt bearbeitet.

Die Stadt wurde nach dem 2.Weltkrieg wieder fast vollständig neu aufgebaut, wie fast alles in Finnland. Es gibt wenig oder kaum historische Gebäude im Lande zu bewundern. Auch viele der alten, schönen Holzhäuser sind großen Bränden zum Opfer gefallen oder sind in einem beispiellosen Renovierungs- und Restaurierungswahn der Nachkriegsjahre platt gemacht worden. Es war ‚In’, modern zu bauen, das betrifft auch Kirchenbauten und vor allem Wohngebiete. So ist auch Rovaniemi, wie wir im Stadtzentrum merken, recht zweckmäßig und nüchtern modern geworden. Die relativ wenigen Menschen verlieren sich fast in den breiten, betonierten Innenstadtpassagen und den reichlich gebauten Shoppingcentern rund um das Zentrum.

Ca.8 Km nördlich der Stadt liegt der Polarkreis, den wir nun von Norden kommend, wieder überqueren. Weihnachtskult und Polarkreis zusammen, das hat hier gleich Freizeitparks und viele Geschäfte geschaffen, die alle recht gut mit Souvenirs verdienen. Für die kühle Jahreszeit gibt es Schneeschlittentouren mit Huskys und Winterssportanlagen, sogar eine Sprungschanze.

Hier oben gibt es noch reichlich Rentiere, die einzeln oder in kleinen Gruppen die Straßen überqueren oder einfach mal der Länge lang dahin trotten, ohne sich besonders vom Verkehr stören zu lassen. Die großen Herden werden im Spätherbst wieder zusammengetrieben, viele der halbdomestizierten Tiere landen in Supermarkttheken, Dosen oder zum Export nach Asien. Aufpassen muss man immer auf die Tiere, die uns auch an Picknickstellen besuchten und in schnaufenden Horden durch den Wald ziehen.

Wir entdecken an einer Straßenkreuzung, in Ravintola, eine beeindruckende Sammlung von großen Kirchenglocken. Aus mehreren Teilen Europas zusammengetragen und an der dortigen Tankstelle ausgestellt, ist es eine schräg-interessante Auflockerung inmitten der weiten Mischwaldlandschaften.

Wir erleben wieder mal einen Temperatursturz von angenehmen 20 Grad auf 6-8 Grad, aber das vertreibt wenigstens die Mücken zum großen Teil, eine der wenigen Alternativen, dem viel zu kalten, feuchten Augustwetter etwas positives abzugewinnen.

Eine Empfehlung lautet, das Städtchen Kuopio zu besuchen, welches auch auf dem Wege nach Süden liegt. Wie schon mehrfach in Skandinavien, haben wir etwas Pech in der Hinsicht, das das gesamte Stadtzentrum gerade in einer Riesenaktion baulich umgekrempelt wird. Baulärm, Gerüste und Absperrungen überall, Fotomotive sind leider eher sehr spärlich vorhanden und so geht es weiter ins bekannte Wintersportzentrum Lahti.

Der Ort ist eher durchschnittlich anzuschauen, aber die Schanzenanlage mit Schwimmbad ist wirklich sehenswert. Wir können jungen Sportlern beim Matten springen zuschauen und gehen eine Runde durch Lahti.

Was wir immer wieder in Finnland entdecken, sind die (Geld-) Spielautomaten überall. In jeden winzigen bis großen Supermarkt stehen diese ‚Daddelautomaten’ und überall wird begeistert gespielt. In jeder Tankstalle wird ein wenig gezockt und es gibt an jeder möglichen und unmöglichen Stelle Lottoannahmestellen. Ganz Finnland scheint von einer sagenhaften Spielerleidenschaft befallen zu sein. Alt und jung zockt, rasselt und klappert an den Automaten. Suomi goes Nevada?

Ein weiteres, vorwiegend finnisches Phänomen: Es gibt die verschiedensten, phantasievollsten Ausführungen von „Rollatoren“ für die älteren Herrschaften. Besonders auf dem Lande, in etwas abgelegenen Orten findet man die phantasievollen Gefährte. Von Trittrollerartigen Doppelspurluxusmobilen mit Mehrfacheinkaufskörben bis zu Tragemodellen, die man immer wieder absetzt oder vor sich herschiebt.

Damit nicht genug: Finnland ist das Königsland der massenhaften Blitzkästen an den Straßen!! Haben wir schon in Schweden recht viele gesehen, so schießen die Finnen echt den Vogel ab, oder besser: Um ihre Temposünder in einem beispiellosen Dauerfeuer von Starfotos zu bedienen. Wirklich alle paar Kilometer warten sie auf Auslösung, in und um Ortschaften schmücken oftmals mehrere solcher Star-Kästen die finnischen Straßen in einer Dichte, wie wir es sonst auf Europäischen Pisten nicht annähernd erlebt haben. An manchen Orten scheint es davon mehr zu geben als Verkehrszeichen Zwinkernd. Rasen die Finnen gerne, und/oder hat man dort vielleicht eine chinesische Überproduktion der ‚Ticket’-erstellenden Geldeintreiber günstig als Massenware eingekauft? Den Eindruck haben wir jedenfalls manchmal im Lande der vielen tausend Seen. Übrigens über 180.000 soll es davon geben, also Seen, aber da sind nur die größeren gezählt.

Die parlamentarische Republik Finnland ist ca. 85% so groß wie Deutschland und hat auf dieser Fläche 5,4 Millionen Einwohner. Es ist damit eines der am dünnsten besiedelten Länder in Europa. Man ist seit 1995 Mitglied der europäischen Union und der finnische Staatschef ist Präsident Sauli Niinistö, der Ministerpräsident heißt Jyrki Katainen.

Für uns ist die finnische Sprache schon recht schwer nachzuvollziehen, es gibt 14 (!!) Grammatik-Fälle und der Satzbau funktioniert ganz anders als im deutschen. Man kann fast nichts ableiten, Wörter aus anderen Sprachen wurden kaum oder gar nicht übernommen. Früher wurde mal behauptet, dass das finnische dem ungarischen ähnelt, oder ‚Entfernt verwandt’ ist. Heute sagt man, das stimmt kaum, die Sprache hier ist etwas ganz eigenes und auch relativ schwer zu erlernen. Nun ja, viele Finnen sprechen recht gut englisch, das hilft immer. Für einige Ortsnamen hat man die Schilder halt etwas breiter gemacht. Bevor man sie ganz gelesen bzw. entziffert hat, ist man meist schon wieder vorbeigefahren Zwinkernd. Finnland ist ja ein begütertes Land und so konnte man reichlich Konsonanten einkaufen, die diese schöne Sprache noch vielfältiger machen. Dass es auch ganz anders geht, nämlich kurz und knapp, zeigt der Name einer kleinen Ortschaft südlich von Rovaniemi, die sich schlicht „Ii“ nennt und bei der wir herrlich an einem See stehend, ruhig übernachtet haben. Vom regelmäßigen Lachs in der Bratpfanne und einem guten Gerstensaft einmal abgesehen, sollte die Bordküche - gerade in den Weiten der Skandinavischen Wälder - immer etwas anspruchsvolles hergeben, das war und ist eine Grundbedingung unserer Touren.

Ca. 100 Kilometer südlich von Lahti liegt Helsinki, unsere letzte Station in Skandinavien, die finnische Hauptstadt hat knapp 600.000 Einwohner und ist offiziell zweisprachig, denn es leben 6,2% Schweden in der Metropole am Finnischen Meerbusen. Im spärlich besiedelten Suomi versteht es sich von selbst, dass Helsinki das kulturelle, politische, wirtschaftliche, geistige und wissenschaftliche Zentrum darstellt. Im Ballungsgebiet kommt die Stadt dann schon auf 1,3 Millionen Menschen, was wiederum ein Viertel der Finnen ausmacht.

Wir fahren zuerst zum Fährhafen und erkundigen uns über die Verbindungen ins Baltikum. Alles erscheint recht einfach, keine langen Wartezeiten, keine Buchungen oder Bestellungen sind nötig und es fahren täglich genügend Schiffe z.B. nach Tallin.

Wir suchen einen ruhigen und hoffentlich sicheren Platz für unser Fahrzeug und werden in der weiteren Hafengegend auch fündig. Es ist ja Sonntag und die Lage in der großen Stadt etwas entspannt. Suchen müssen wir fast immer eine Weile und sind froh, dass wir nicht so eine ‚fahrende Kegelbahn’ mit ausfahrbaren Balkon und Luxussauna haben, wie manche Zeitgenossen und ihre gigantischen fahrenden 1-2Familienhäusern.

Trotzdem ist viel auf den Beinen oder Reifen. Es ist Ferienzeit und die Nummernschilder verraten Besucher aus allen Teilen des Kontinentes. Wir besorgen uns wieder ein Tagesticket für den Nahverkehr und für 7 Euro ist man dabei, die Cityregion 24 Stunden mit Metro, Bus oder Tram zu befahren. Ein Tipp, den wir uns merkten, war, dass man am besten mit der Tram-Linie 3T oder 3B fährt und damit eine recht umfangreiche Stadtrundfahrt machen kann, ohne sich in die bunten Touristenbusse zu quetschen. Funktioniert tadellos, einsteigen, aussteigen, einige Kilometer zu Fuß und sich alternativ mit der Tram in andere (Stadt-) Ecken bringen lassen, tolle Sache.

Am Anfang muss man immer ein wenig suchen, bis man die nötigen Infos zusammen hat, man braucht den richtigen Anfang, die Ziele der eigenen Wahl und schon geht es los. Immer findet man Überraschendes, Neues und auch faszinierendes in einer Stadt wie Helsinki und wenn das Wetter ein wenig mitspielt, immer ein Treffer!

Die weise Kathedrale, der Hafen oder die vielen Jugendstilhäuser bieten einiges zu anschauen. Sogar der außergewöhnliche Bau des Hauptbahnhofes hat etwas ganz spezielles an sich.

Nach einem wie immer recht anstrengenden Pflastertag durch Finnlands Hauptstadt trottet Esmeralda mit uns langsam zum Fährhafen. Wir ‚erwischen’ sofort eine Fähre nach Tallin und bezahlen unsere vorerst letzte Seepassage. Diese ist die längste Strecke mit 3 Std. über die Ostsee und es geht ca. 80 Kilometer nach Süden in die Estnische Hauptstadt.

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Baltikum 08/2012