Baltikum ab 13.08.2012

Wer weit gereist ist, weiß,
dass der eigene Nachbar am exotischsten ist.
© Lisz Hirn, (*1984),
österreichische Philosophin und Künstlerin

(Karte)

Das Baltische

Eesti (Estland)

So schnell kann es gehen. Kaum ist man am Hafen angekommen und schon ist eine abfahrtbereite Fähre da und nimmt uns mit. Wir sind gerade auf dem großen Pott gefahren und haben unser Fahrzeug auf der Fähre- im mehrfach schottgesicherten Bauch - geparkt, schon geht es ab und langsam, aber sicher verschwindet die Skyline von Helsinki hinter uns.

Mit Finnland verlassen wir auch den skandinavischen Staatenbund und damit auch vieles was für uns Neu war, meist positiv Überraschendes. Als Fazit kann man nach diesem Wege sagen, dass wir von der Weite und (meist) Ruhe auf dem skandinavischen Subkontinent begeistert waren. Das ‚Jedermannsrecht’ ist eine tolle Sache, die man aber nicht überall nutzen kann. Man findet oft ‚auch in gerade einsam gedachten Gebieten’ nicht immer einen ruhigen Platz und muss oft länger suchen. Oft gibt es auch einfach keine Ausfahrt, keinen geeigneten Weg oder Platz. Nicht selten ist „weit ab von Schuss“ dann doch sehr überraschend, am Ende vom waldreichen „Nirgendwo“ ein Haus und ‚Private Property’ zu finden. Auch wenn das nicht immer so ausgewiesen ist, muss man dies allzeit akzeptieren. So zumindest in unseren Falle, aber, und das ist das Entscheidende: Es ist nicht annähernd so eng, zugebaut, hektisch und auch deutlich sauberer als an so manchen Schauplätzen auf der Iberischen Halbinsel. Solche Vergleiche zu ziehen ist sicher nicht immer einfach, denn die Kulturen oder geschichtlichen Entwicklungen sind zu verschieden, aber das macht ja nun wiederum die Vielfalt Europas aus.

Unsere ‚Norlandia’ schunkelt langsam über die Ostsee nach Süden und wir schauen den vielen zockenden Finnen zu, die sich an den Klimper-Automaten abwechseln und die rasselnden ‚Kleingeldabsauger’ Bier trinkend mit frischen Münzen füllen.

Kurz vor Mitternacht kommen wir in Tallin an und es gibt leichte Schwierigkeiten mit dem Öffnen unseres Bugschotts. Mehrere Mitarbeiter der Crew versuchen es minutenlang, bis es dann endlich klappt (Wir denken an die Estonia-Katastrophe am 28. September 1994).

Dann fahren wir ohne jeglichen Kontrollen von der Fähre und rumpeln durch die dunklen, stark löchrigen Straßen Tallins zu einem ruhigen Parkplatz, wo wir ungestört vom immer fließenden Verkehr, in Gesellschaft eines belgischen WoMo’s die erste Nacht im Baltikum verbringen. Am nächsten Tage reden wir noch mit dem belgischen Reisenden, der jetzt auf dem Wege zu den Lofoten ist, wo er, wie er uns erzählte, schon mal länger gelebt hatte.

Wir sind begeistert vom fantastischen und alten Tallin und erkunden die winkligen Gassen und Burgmauern.

Mit fortschreitendem Tage ist man leider schon lange nicht mehr alleine in den Gassen unterwegs. Massen von geführten Reisegruppen drängeln lärmend übers Kopfsteinpflaster und in den rustikalen Kneipen und gepflegten Restaurants sind die Euro-Preise längst gepfeffert und gesalzen und können es oft sogar mit München, Dresden oder Berlin aufnehmen. Auf dem Lande ist dies dann schon deutlich entspannter, aber Tallin wird wohl vom Preisniveau her bald einige Städte Westeuropas überholen und das rechts und links gleichzeitig.

Wir nehmen uns 2 Tage Zeit für die Estnische Hauptstadt, die heute einen wirklich interessanten Mix aus Mittelalterlicher Altstadt und den Stahl- und Glastürmen der Neustadt darstellt. Parkplätze sind rar und teuer. Man ist längst im modernen Europa angekommen.

Überall innerhalb der dicken Mauern der Altstadt gibt es freies WiFi-Internet, eine sehr fortschrittliche Sache!! Wir nutzen das gleich aus und checken unsere Mails und lesen internationale Nachrichten. Es gibt in Estland das dichteste Handynetz Europas und die Straßen sind voll mit Edelkarossen und Bankpalästen. Internationale Hotels findet man überall in der Neustadt. Dazwischen gibt es immer noch die typischen und baltischen alten Holzhäuser.

Estland hat am 20.08.1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangt und ist eine parlamentarische Republik unter Präsident Toomas Hendrik Ilves. Mit ca. 45.000 qkm und 1,3 Millionen Einwohnern ist der nördlichste der Baltenstaaten der kleinste, aber wohl auch der modernste. Es ist das erste Land im Baltikum, das den Euro eingeführt hat, denn in der europäischen Union (und damit dem Schengener Abkommen beigetreten) sind ja alle drei Baltenstaaten.

Überall hier gibt es frische und duftende Blumen zu kaufen. An gut sortierten Ständen werden die schönsten Strickarbeiten angeboten, besonders die extra ‚laaangen’ Mütze-Schaal-Kombinationen haben es uns angetan, eine tolle und praktische Idee, wie wir finden.

Alles ist nicht Goldig. Wir besuchen die zwei „City“- und „Harbour“ – Camps, die beide in ihrer schlichten Hässlichkeit kaum zu überbieten sind. Man packt 1-2 Dusch+TV+Rezeptions-Container auf den Asphalt in ein Industriegebiet und möchte für diesen „Outdoorspass“ - im abweisend grauen ‚Hinterhofdesign’ - dann gleich mal 20-25 Euros abkassieren. Das zumindest sagen uns die sehr desinteressierten Angestellten und schauen nach der kurzen Auskunft gleich wieder in die flimmernde Glotze, recht einladend!

Wir haben selten so schlechte, ungemütliche Plätze gesehen und verzichten dankend. Da haben die Herrschaften den Gedanken des Campings leicht missverstanden bzw. auf ihre Weise verzerrt. Das ist eher „Entertainment“ zum abgewöhnen, bzw. Raum für Streetgang‘s oder Übungsplatz für das angesagte ‚Parcours’-Hindernis-Spiel. Ansonsten ist Tallin aber eine Bereicherung für jedes Reisetagebuch und wir bummeln auch am zweiten Tag wieder zwischen der Alexander-Newski-Kathedrale und den alten Rathaus hin und her.

Es gibt hier wieder mal viele Motive für das digitale Fotoalbum, für unsere Homepage und darüber hinaus viel zu entdecken zwischen der ältesten Apotheke Europas und skurrilen Ausstellungsstücken an und um die Stadtmauer.

Fährt man dann weiter nach Süden und verlässt die quirlige Hauptstadt durch die Randgebiete, dann werden die Löcher in den Straßen zunehmend ‚gebirgiger’ und bald ist der staunende Reisende in mitten von weiten Wäldern wieder mit sich und einigen, kleinen Gehöften alleine. Die Ostseeküste in Süden ist schön und weitestgehend einsam, aber auch nicht immer so einfach zugänglich, wie man das z.B. von Skandinavien her kennt. Direkte Küstenstraßen gibt es eher kaum, die Stichstraßen sind in schlechten oder gar keinem Zustand, verlaufen also im Sande.

Wir finden sehr wenige Ortschaften auf dem Wege nach Süden. Wir besuchen das ruhige Pärnu, immerhin nach Tallinn eine der Hauptorte im Lande.

Nun, auf dem Lande wird es deutlich besinnlicher und die Pisten werden schlechter. Estland ist schon recht dünn besiedelt und man fährt weite Strecken durch landwirtschaftliches Nutzgebiet und Wälder und weite Wiesen. Seitlich der Hauptstraßen gibt es fast immer Sand- oder Schotterpisten. Pärnu hat eine kleine Hauptstraße mit vielen Kneipen, kleinen Läden, sowie eine Info mit einem freundlichen Team.

Außerdem einige orthodoxe Kirchen und ein recht gut ausgestattetes Shoppingcenter. Letzteres wirkt, verglichen mit den staubigen und verwahrlosten Außenbezirken des Ortes fast wie ein gelandetes UFO aus einer anderen Zeit, denn dort gibt es alles an Lebensmitteln, Wellness und Unterhaltungselektronik mit westlichen Niveau.

Oft finden wir kleine Supermärkte, eher die Tante-Emma-Läden, die noch stark an die Planwirtschaft in dunkelsten Zeiten erinnern. Eastern-Atmosphäre mit allem originalgekleideten Statisten inklusive. Immer wieder werden wir von Kindern wegen unseres Gefährtes bestaunt. Fast unmerklich, Richtung Süden fahrend, steht man dann schon an der Grenze zum baltischen Nachbarn,

Latvija (Lettland)

Im ‚Niemandsland’ erwartet uns wieder diese typische, regelrecht beklemmende Grenzlandschaft verlassener, halb verfallener Gebäude und (glücklicherweise!!!) abgebaute Grenzanlagen, die sicher vor über 22 Jahre einmal beeindruckende und abschreckende Wirkung hatten. Kennt man ja nun leider aus eigener Geschichte!

LKWs rumpeln durch (Staubfahnen hinterlassend), sowie Reisebusse, aber wenig PKWs. Eine Gruppe Asiaten fotografiert begeistert alle noch vorhandenen Grenzanlagen, in allen Stellungen: hockend, liegend, rückwärtsgehend, mit und ohne Erinnerungsgesichtern… Wir sind wieder mal amüsiert, was sie manchmal so treiben für ihre „Ich und das Denkmal“ – Fotos. Was haben wir da weltweit schon für verrückte Dinge erlebt. Wir dürften auf so vielen japanischen oder koreanischen Filmen/Fotos verewigt sein das es für eine Ausstellung reicht. Und vor allem (diesmal) Esmeralda und das völlig ungeachtet der Tatsache, ob das Mobil nun aktuell bewohnt ist. Es wird gebrabbelt, Ooooohh-Rufe, Diskussionen, Fotos mit und ohne Oma und wir werden umrundet, umkrochen, allseitig abgelichtet und von allen erdenklichen Seiten dokumentiert. Als Werbeplattform hätte unsere Reiseschildkröte wahrscheinlich einigen Zuspruch.

Als erstes in Lettland fahren wir über kleine Seitenstraßen relativ zentral ins Hinterland und besuchen den Gaujas National Park und das Städtchen Cesis mit seiner sehenswerten Burgruine und einer historischen, kleinen Altstadt und vielen der klassischen, baltischen Holzhäuser. Letztere in allen vorstellbaren Verfallsstufen.

Man bekommt in den alten, dicken Mauern der Ruine eine Laterne mit Wachskerze überreicht und kann dann den Festungsturm durch enge, dunkle Treppen selbst erkunden. Gesichert ist fast nichts, Abenteuer pur wieder mal und die Erkenntnis, dass diese ‚erfrischende’ Art der Besichtigung bei uns zu Hause aus Sicherheitsgründen, (durch Paragrafen und mit Verbotsschildern garniert) kaum vorstellbar wäre.

Ebenfalls in der bergigen, zentralen Region Lettlands sehen wir uns die Festung Turaida bei Segulda an. Einiges aus der früheren Geschichte des Landes ist bildhaft erklärt und auch allerhand, noch gerettete Relikte werden ausgestellt. So finden wir anhand von alten Dokumenten auch die für uns neue, überraschende Tatsache, dass im 18. Jahrhundert die Herrnhuter Brüdergemeinde, eine evangelische Bewegung (gleich um die Ecke aus unserer Oberlausitzer Heimat!) hier in dieser Gegend verbreitet war.

Nach diesem Ausflug in die Geschichte bzw. Natur führt uns der Weg in die lettische Hauptstadt. Riga liegt fast an der Ostsee und nur ein paar Kilometer trennen die nördlichen Vorstadtbezirke von der Rigaischen Bucht.

Die größte Stadt der drei Baltenstaaten hat ca. 700.000 Einwohner, liegt am Unterlauf der Düna/Daugava und ist ebenfalls eine der alten, berühmten Hansastädte. Die Liste der namhaften Partnerstädte ist beeindruckend. Einiges von der historischen Pracht ist vor allem in der Altstadt noch erhalten, zentral gelegen und mittlerweile immer gut besucht. Wir kämpfen uns über die katastrophalen Straßen der Außenbezirke ins Zentrum und unser Fahrzeug hoppelt, springt und rattert über die vielen, riesigen Löcher. Massig Straßenbahnschienen und ‚offroad-artiges’ Kopfsteinpflaster. Wir haben Zeit und Muße, im dichten Verkehr steckend, die optischen Spuren der Besatzungsjahre zu erleben, denn bis auf einige Reklameschilder und Marktlogos hat sich offensichtlich wenig verändert in den Randbezirken dieser doch recht großen, geschäftigen Metropole. Manche Fassaden wirken gar wie Einsturzgefährdet oder Kulissen. Weiter Zentral nehmen die großen Verwaltungsgebäude zu und in der Altstadt an der Düna, umrahmt von vielen Kirchen und Handelshäusern kann man sich dann einiges, interessantes ansehen.

Der Hauch des Umsturzes, der ‚baltischen Revolution’ ist an vielen Stellen präsent, Mahnmale erinnern an die Opfer der Autonomie. Viele Kneipen gibt es rings um die historische Region und eine eigene, kleine Kunstszene ist entstanden.

Auch das lettische Bier schmeckt hervorragend! Riga wirkt auf uns aber insgesamt weit hektischer, betonierter und auch ein wenig schmutziger, aggressiver als die beiden anderen Hauptstädte Tallin und Vilnius, welche es von Altstadtkern her mit den schönsten mittelgroßen Orten Europas aufnehmen können. Da hat sich echt schon viel geändert, vermuten wir. Diesen Vergleich aber möchten wir auch schon mal vorwegnehmen. Wir möchten auch diese Region nicht auf ihre viel gelobten 3 Hauptstädte reduzieren und versuchen, auch einiges im Umland zu erkunden. Wir fahren immer wieder mal auf Seitenstraßen durch alte, recht einfache Dörfer, an Deichen, Bauernhöfen und alten Fabriken vorbei und bestaunen uns gegenseitig mit den Eingeborenen Zwinkernd. Probleme hatten wir nie und ein Lächeln hilft oft auch mal weiter.

Im Gegensatz zum nördlichen Nachbarn Estland (Euro) hat man in Lettland noch den Lats (Plural Lati) und man muss aktuell mehr als 1 Euro für 1 Lats bezahlen. Das Preisniveau ist etwas unter dem estnischen, welches in Tallin allerdings auch schon westliche Werte erreicht.

Gerade in der Provinz merkt man hier den krassen Unterschied zu den (wenigen) Städten. Die Zeit scheint noch etwas stehen geblieben zu sein und vieles erinnert noch an Regionen zwischen Bratislava und Sofia in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Immer wieder finden wir an den Hauptverbindungsstraßen die beliebten Schilder mit den goldenen Sternen auf blauen Grund ‚Sponsored by E.U.’ In diesem Falle führen dann, stückweise, wie gezaubert, wirklich traumhafte Straßen durch die Landschaft, eine vorübergehende Entlastung für das sonst donnernde Geschepper von allen fahrendem Material. Für den Rest der noch nicht erneuerten Pisten ist höchste Aufmerksamkeit geboten und Nachtfahrten sind ein Wagnis wegen der Löcher, also vermeiden wir sie soweit es möglich ist. Das wichtigste, neben einer gesunden Reise und vielen (positiven) Erlebnissen ist, dass endlich der Sommer im Baltikum Einzug gehalten hat. Endlich herrschen milde Temperaturen, Sonne satt und wieder ‚Bierdurscht’, wie es sich für diese Jahreszeit gehört. So können wir auch die vielen baltischen Hopfengetränke testen, von denen wir keines als ‚schlecht’ oder ‚dünne’ einstufen. Wir probieren in den 3 Baltischen Staaten 2-3 Dutzend Sorten Pivo aus, aber manche davon auch erst später zuhause.

Ganz in Süden Lettlands liegt inmitten eines prächtigen Gartens das größte, schönste und bekannteste Schloss Lettlands, vielleicht des gesamten Baltikums: Rundales. Natürlich lassen wir uns dieses Bauwerk nicht entgehen und reisen abends dort an. Dadurch können wir am nächsten Tage nach einem entspannten Frühstück aus der Esmeralda-Küche gleich unsere Besichtigungstour beginnen.

Von weitem erinnert der Bau in Farbe, Stil und Architektur fast ein wenig an das Schloss Oberschleißheim im Münchener Norden. Nur der wunderschöne Biergarten fehlt Zwinkernd – Sogar die Kastanienbäume sind arrangiert. Also eine Geschäftsidee hätten wir da vielleicht schon mal…Nur die Anfahrt ist etwas weit.

Der Bau des gewaltigen Barockschlosses wurde von der russischen Zarin Anna Iwanowna veranlasst und 1735 begonnen. Es gibt immerhin 138 Zimmer und Säle und das auf ca. 7.000 qm, also eine recht geräumige Immobilie. Bei den Arbeiten, die für damalige Verhältnisse erstaunlich schnell vonstattengingen, waren auch die russische Armee und viele Künstler aus St. Petersburg tätig und bereits 1740 war vieles unter „Dach und Fach“, - bis auf die Inneneinrichtung, die später nach und nach vervollständigt wurde.

Es gibt viele, gesammelte Kunstschätze zu bestaunen und prunkvolle Räume. Sicher ist ‚Rundales Pils’ (Lettisch für Schloß) so etwas wie das Versailles des Baltikums und auf dem Wege durch die Region einem Umweg für Interessierte wert.

In unserem Falle geht die Reise weiter durch flache Hügel nach Süden und führt schon bald über die nächste Grenze, wir sind in

Lietuva (Litauen)

Das seit 1990 unabhängige Land hat 3,1 Millionen Einwohner und ist von ähnlicher Größe wie seine Baltischen Nachbarn. Man ist seit dem 1. Mai 2004 Mitglied der Europäischen Union und als Währung gilt aktuell 2012 noch der Litas. Auch Litauen ist weitestgehend Landwirtschaftlich geprägt, politisch eine parlamentarische Demokratie und die Hauptstadt ist Vilnius. Kommt man aus dem nördlichen Lettland, so führt die Reise an einem - für die Menschen in diesem stark katholisch geprägten Gebiet - sehr wichtigen Ort vorbei. Eine Pilgerstätte und auch ein Symbol für den Aufstand und für den Widerstand: Der Berg der Kreuze.

Wir hatten in Reportagen und Bildberichten über das Baltikum schon mehrfach von diesem Ort gelesen oder gehört. Von weitem relativ unspektakulär und wenig auffällig bietet sich ‚Kryziu Kalnas’, nur 1500 Meter von der Fernverkehrstraße E12. Unter russischer Herrschaft wurde das eigenwillige Denkmal sogar mehrfach abgerissen bzw. zerstört, aber es wurde immer wieder aufgebaut und erweitert. Heute sieht man an und um den kleinen Hügel zigtausende - vorwiegend - Holzkreuze, die von den Wallfahrern hierher mitgebracht wurden und werden. Man sieht Hochzeitsgesellschaften, Dutzende Reisebusse und die Straße am Monument ist zugeparkt. Es wurde sogar ein modernes Informationszentrum gebaut. Viele Legenden und Auslegungen der Entstehung gibt es um diesen Hügel mit seinen Kreuzen. Eine, der in diesen Tagen eher seltene, Regenfront zieht über Nordlitauen und wir werden alle ein wenig geduscht.

Nun, ein Sommerregen ist das kleinere Problem und dann geht es für uns weiter nach Kaunas, die zweitgrößte Stadt des Landes.

Wir haben seit längerem einen Profilschwund. Vor allem an unseren Hinterreifen haben die norwegischen Berge hungrig genagt und die Serpentinen, allem voran die ‚Trollstiegen’ haben dem Latschen gewaltig Gummi gekostet. Neu waren unsere Reifen bei Start ja nicht mehr ganz. So wurde es Zeit für den Wechsel und wir haben die norwegischen Preise noch umgangen. In Dänemark wollte eine Werkstatt nach Anfrage gar über 300 (!!) Euro für einen Ölwechsel und wir waren froh, dass wir das nicht in Skandinavien machen mussten. Also hatten wir uns im Internet eine größere Servicestation in Kaunas rausgesucht und rumpelten quer durch die Großstadt am Zusammenfluss der Memel und der Neris entlang, ca. 95 Km westlich von Vilnius.

Was wir an Extremstraßen bisher erlebt hatten, so stellt Kaunas ALLES komplett in den Schatten (der riesigen Löcher!!). Außerhalb geht es ja mit den Pisten: aber auf Grund der Konstruktion und Befestigung der Kabine auf dem Pickup müssen wir nun mal etwas vorsichtiger sein, als ohne dem ‚Häuschen hinten drauf’. Gullydeckel ragen mal 10-15 cm aus der Straße, und das in großer Anzahl. Die Stadt besteht weitestgehend aus so schlechten Straßen, dass wir oft nur 30-40 fahren können. Teilweise ungesicherte Baustellen und Kraterlöcher säumen die ‚Prospekte und Magistralen’ von Kaunas und überall gibt es große, graue Beton-Wohn-Siedlungen. Wir vermuten, dass zum Start des sowjetischen Mondlandeprogramms hier die idealen Voraussetzungen gewesen sind und das das spezielle Bodenfahrzeug „Lunachod II“ hier, in den schroffen Straßen von Kaunas, getestet worden ist. Was das berühmte Kettenfahrzeug hier geleistet hat, kann man sich heute noch gut vorstellen.

Aber nicht alles ist so holprig-rustikal in Kaunas, wir machen auch positive Erfahrungen.

Wir finden freundliche Unterstützung und einen Stellplatz in Hof einer KFZ-Techniker-Schule. Es sind Sommerferien, alles ist leer, und der immer präsente Wachdienst holt per Handy Hilfe zum Übersetzen. Wir werden eingeladen im Gebäude die Duschen zu nutzen und unterhalten uns mit einem weiteren Mitarbeiter der Schule über unsere Tour, Deutschland und unser Huckepack-Fahrzeug, das immer wieder Interessenten anzieht. Gleich nebenan ist die Fachwerkstatt und wir bekommen am nächsten Tag 4 Markenreifen und einen, mittlerweile nötigen, Ölwechsel sofort erledigt. Sofort heißt: nach 2 Stunden ist alles Geschichte, der Job gemacht, und von der zu bezahlenden Arbeitszeit her alles zu einem fairen, für uns vertretbaren Preis geregelt. Keine Selbstverständlichkeit, nach allem, was uns manchmal in Deutschland passiert. Die speziellen Reifen gibt es nirgends wesentlich günstiger und das nimmt sich kaum viel im internationalen Preisen. Die Unterschiede im Arbeitslohn sind halt immer noch gewaltig und auch sonst ist das Baltikum nach dem Erleben von Skandinavien her schon wieder eine ganz andere Sache. Auch ein abschreckend fürchterlich hässlicher Container-„Campingplatz“ zwischen stark befahrenen Straßen und Baulärm, Fluss und Wohnquadern hat es uns nicht angetan. Man wollte tatsächlich umgerechnet ca. 20 Euro/Nacht für diesen ungastlichen Platz. Jede Abfahrt in den Wald/Natur inklusive Suche und Waschbrettpiste oder Schotter ist schöner als solch eine Zumutung. Mit schönen, neuen Hartgummipantoffeln düst (oder eher hoppelt) Esmeralda mit uns in Richtung litauische Hauptstadt, wir verlassen die Buckelpisten von Kaunas.

Vorher ist ein Besuch an einer der (Bild-)schönsten Wasserburgen Nordeuropas geplan und so fahren wir nach Trakai. Inmitten einer schönen Seenlandschaft, liegt der gleichnamige Ort am viel besuchten Gemäuer.

Leider hat sich, wahrscheinlich erst in letzter Zeit, der Ort Trakai zu einem litauischen Königsee oder Starnberg entwickelt, mit allen Nachteilen für den kleinen, vollkommen überforderten Ort. Überall kommen Anwohner aus ihren Grundstücken und bieten extra Parkplätze an, alles ist (über-) voll, die vielen Busse parken den Rest an Ruhe, Grün und ehemaliger Beschaulichkeit zu und weg.

Massen strömen über die kleine Holzbrücke zur Burg Trakai, schön ist es, ohne Frage! Aber überlaufen.

Fast komplett neu aufgebaut wurde die Burg, nachdem der Bau im 19. Jahrhundert bis auf die Grundmauern zerstört worden war. Erst zwischen 1955-87 wurde die ehemals alte Burg wieder in mittelalterlichen Stil vollendet. Immerhin war Trakai zwischen 1316 und 1323 Hauptstadt des Kurfürstentums Litauen und ist heute wieder ein Nationalsymbol für das Land. Die Seitengebäude des umfangreichen Burgareals sind mit diversen Ausstellungen gefüllt und man kann problemlos einen halben oder ganzen Tag in den roten Backsteinmauern verbringen.

Ein paar Ausstellungen aus dem Bereich handwerkliche Fähigkeiten haben Heidi besonders fasziniert, denn diese Perlenarbeiten sind aus der Zeit, als die Burg noch bewohnt war. Die Arbeiten sind so filigran und gut erhalten, dass einem die Augen übergehen.

Uns haben 2-3 Stunden ausgereicht und dann ging es auf die Suche nach einem Ausgangspunkt für den Vilnius-Besuch. Wir hatten dann in der Nähe des kleinen Städtchens Rudiskes einen schönen, im Wald gelegenen Zeltplatz Harmonie gefunden, der von einem litauisch-holländischen Paar schon seit ca. 20 Jahren geführt wird. Alles da, was man braucht und das sehr hilfsbereite Ehepaar bringt alle Hauptstadt-Interessenten gratis zum Bahnhof in Rudiskes, so dass man nicht selbst in die Stadt rumpeln muss. Genial und in dem Falle haben wir mehrere ‚Fliegen mit einer Klappe’ erwischt. Vilnius liegt immerhin noch 1 Zugstunde entfernt und so lassen wir uns den nächsten Tag von Chef zur litauischen Bahn bringen und fahren entspannt und günstig ins Zentrum von Vilnius.

Nur 10-15 Gehminuten sind es und schon ist man in der herrlichen Altstadt. Insgesamt leben über eine halbe Million Menschen in der litauischen Hauptstadt an der Neris, die eine der ältesten Universitätsstädte Europas ist, sowie Erzbischofssitz und Kulturhauptstadt Europas 2009.

Es gibt sehr viele Kirchengebäude und einen umfangreichen, historischen Teil zu sehen. Vieles ist schon aufwändig restauriert worden.

Vilnius hat einen der flächenmäßig größten, erhaltenen Altstadtkerne Europas. Vom Gediminas-Turm der oberen Burg hat man einen Super - Panoramablick über die Stadt und eine Zahnradbahn führt neben mehreren Wegen auf den Hügel.

Es gibt sogar (ähnlich wie in Kopenhagen) eine alternativ-freie Künstlerrepublik namens ‚Uzupio’ oder ‚Uzopis’, die sich als Autonom sieht und ein gewisses ‚Eigenleben’, mit Kneipenszene, Verwaltung und Ausstellungen entwickelt hat. Der früh verstorbene US-Musiker Frank Zappa wird hier sehr verehrt und erhielt in Vilnius weltweit sogar sein erstes Denkmal und so ist Zappa jetzt offizieller Schutzpatron von Uzopis. Seine Familie war zur Einweihung hier und Sohn Dweezil hat 2009 hier mit seiner Band („Zappa plays Zappa“) Coverversionen seines Vaters gespielt.

Vilnius macht auf uns einen angenehmen, relaxten Eindruck und ist neben Tallin die schönste und interessanteste Stadt im Baltikum.

Nach einem schönen Tag hier fährt der Regionalzug ca. 17:00 wieder mit uns nach Rudiskes im grünen Hinterland, wo uns Campgründer Wim Brown, ein echtes Original, wie versprochen abholt. Wims Camp ist für uns die letzte Station auf unserer Baltikum-Reise, denn wir fahren am Tag darauf über viele Neben- und Seitenstraßen in Richtung der polnischen Grenze.

Zum Thema Fazit (vorab) können wir schon mal eins sagen: Das meist „getroffene“ bzw. gesehene Tier war der Schwarzrock oder auch Adebar oder ganz banal Storch. Hier im Baltischen Ländle ist er sehr häufig anzutreffen und die meisten Strommasten sind bewohnt und somit einen vollelektrisierten Haushalt. Teilweise haben wir über 20 Tiere auf den Wiesen gezählt.

Es gibt noch mal viele alte Häuser und rustikales zu sehen und nach einigen Stunden stehen wir an den teils verlassenen, abgebauten Grenzanlagen, auf geht’s nach Südwesten!

Das Baltikum ist durchaus eine Reise wert und entpuppt sich als kleine, eigene Weltgegend mit speziellem Charme und mit (mindestens) 3 verschiedenen, eigenwilligen, komplizierten Sprachen, die alles sehr unterschiedliche, regionale und geschichtliche Ursprünge haben. Wer schon länger dort lebt und die Entwicklung vom Beginn der Autonomisierung erlebt hat, sagte uns: Es hat sich schon sehr viel zum Guten verändert, auf dem Lande ist aber oftmals kaum oder wenig Neues zu entdecken. Nachteil der Öffnung für das Baltikum ist die massive Abwanderung junger Spezialisten ins EU-Ausland oder nach Übersee. Wir hatten kein Gefühl der ‚Unsicherheit’ oder ähnliches, denn es gelten dieselben, ganz normalen, vernünftigen Vorkehrungen wie auf anderen Reisen auch. Geldautomaten und Einkaufsmöglichkeiten gibt es genug, aber wirklich schöne Zeltplätze haben wir leider eher wenig gesehen. Stellplätze findet man mit ein wenig Glück und Suche immer mal.

Bis irgendwann mal wieder.

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Polen 08/2012