Schweden ab 08.07.2012

Auf Reisen rücken die fremden Probleme in die Ferne,
und die persönlichen Schwächen in die Nähe.
© Daniel Mühlemann, (*1959),
Naturfotograf, Aphoristiker und Übersetzer

(Karte)

Erlebnisse aus dem Land der Elche und Oldtimer

An einem sonnigen Sonntagvormittag erreichen wir, über die Öresund Brücken/Tunnel-Kombination, die drittgrößte Stadt Schwedens, Malmö. Immerhin 300.000 Menschen leben in der Provinz-Hauptstadt Schonen, die wiederum den äußersten Süden Schwedens ausmacht. Schwedisches Staatsoberhaupt ist König Karl XVI. Gustav und als Regierungschef fungiert Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt.

Die Dimensionen Schwedens sind (für europäische Verhältnisse) natürlich schon gewaltig. So ist Kiruna in Nordschweden mit 1.392 km weiter von Malmö entfernt als z.B. Mailand mit ‚nur’ 1.159 km. Auf einer Fläche, die noch ca. 30 % größer ist als die deutsche, gibt es aber nur knapp 9,5 Millionen Einwohner, also ist das Land nicht gerade dicht besiedelt, besonders im Norden natürlich, und es gibt die größte ‚Elchdichte’ Europas Zwinkernd. Daraus resultierend passieren leider auch viele Verkehrsunfälle mit den großen Tieren, 2006 waren es so fast 5.000.

Der Kurs der schwedischen Krone steht ähnlich der dänischen Krone zum Euro und momentan bekommt man für 1 Euro etwas über 8,2 schwedische Kronen. Der erste negative Eindruck hier sind für uns die Dieselpreise, welche in Dänemark noch recht moderat waren, so auch im Vergleich zu unserer aktuell laufenden Tour durch Europa. Hier in Schweden knallt der Dieselpreis mit umgerechnet über 1,70 Euro pro Liter doch ganz schön rein.

Wir schauen uns das Zentrum Malmös, mit seinem Hafen, dem Hauptbahnhof und dem Rathaus- sowie Marktplatz, an.

Ebenso den im nördlichen Industriegelände gelegene „Turning Torso“, ein 2005 gebauter, etwas futuristischer Wolkenkratzer (mit geschätzten Vorbild in Taiwan) und mit 190 Metern höchstes Gebäude Nordeuropas. Er passt fast nicht so recht in das moderate Malmö, ist jedoch mittlerweile zum Wahrzeichen der Stadt geworden und man sieht das eigenartig verdrehte Gebäude schon von weiten, sogar wenn man noch auf dem Öresund unterwegs ist.

Umgeben ist Malmö vom ländlichen Schonen, einem seichten Hügelland mit vielen Bauernhöfen, kleinen Dörfern und viel Grün.

Gar nicht weit weg, im Osten Malmös, am Meer gelegen, findet man eine weltweit bekannte Kleinstadt, Ystad. Berühmt geworden durch die Kriminalromane und Afrika-Erzählungen von Henning Mankell. Ein charmantes, verträumtes Städtchen ohne große Sehenswürdigkeiten, aber gepflegt und sauber wie alle Kleinstädte, die wir uns bisher hier angesehen haben. Beinharte Fans der Wallander-Krimis können natürlich auch Touren zu den Schauplätzen diverser, fiktiver Verbrechen machen. Das sparen wir uns aber dann doch und behalten die guten Bücher in der Erinnerung, wie sie sind.

Schon am Morgen eines der nächsten Tage wird aus den fiktiven Geschichten Mankells ganz schnell ernst: Wir werden überfallen! Fast wäre das ein Fall für Kommissar Wallander und sein Team gewesen. Bewaffnet mit Beißwerkzeugen und Zangen, ohne Warnung und klammheimlich über Nacht hatten sich mehrere, ja hunderte Diebe an- und eingeschlichen, genauer gesagt Zuckerdiebe! Durch die kleinsten Ritzen, Kabelschächte und feinsten Spalten waren Gangs marodierender Ameisen in unsere Esmeralda eingedrungen und plündernd über den Inhalt einiger Schränke hergefallen. Natürlich besonders dort, wo es Honig oder Zucker zu holen gab, denn die Tierchen haben dafür feinste Antennen und waren in kleinen Kampfgeschwadern in unsere Bordküche eingedrungen. Glücklicherweise konnten wir die Invasion ohne Verwendung der Polizeinotrufes 112 selbst gerade noch abwehren und (nahezu) alle Eindringlinge beseitigen bzw. an die frische Luft befördern. Im Vergleich zu ihren asiatischen Verwandten sind die schwedischen Ameisen dennoch zahlenmäßig recht übersichtlich und normalerweise auch auf Abstand zu halten. Ihre, teilweise viel kleineren, Artgenossen in Indochina entern problemlos 4. oder 5. Hoteletagen, auch vermeintlich geschlossene Räume, wenn es nur irgendetwas für sie leckeres abzuschleppen gibt. Sie schrecken vor fast gar nichts zurück und haben ihre Wut sogar an Tom’s Bose-Ohrhörern am Mekong in Laos ausgelassen und die wichtigen, weichen Kunststoffeinsätze regelrecht zerfressen, zerlöchert, zerstört. Doch zurück nach Schonen.

Wir fahren an der Küste nach Nordosten und finden überall ‚picknickende’ Familien. Man meint halb Südschweden ist auf den Beinen, überall Campingplätze und Strände. Kilometerweit begleitet uns dieses Bild nach Ystad oder Ahus.

Wir besuchen das kleine, schön am Meer und auf vielen Halbinseln gelegene Karlskrona, das durch seine Historische Altstadt einen UNESCO-Eintrag bekommen hat und bummeln durch die Straßen der übersichtlichen Kleinstadt.

Nachdem uns bei einem privaten Naturpark, etwas abseits der Hauptstraßen, nachts an unseren Stellplatz eine lautstark schmatzende Horde Schwarzkittel besucht hatte, geht die Reise weiter durch den Südosten Schwedens.

Weiter nördlich geht es dann nach Kalmar und zum gleichnamigen Schloss, das direkt an der Küste gelegen, umgeben von dicken Mauern und über eine klassische Zugbrücke erreichbar ist. Heute sind wir mal richtig spät dran, bekommen aber dafür 50% Ermäßigung beim Eintritt für das alte Gemäuer, da es nicht mehr so lange geöffnet hat. Genug Zeit zur Besichtigung und zum Schießen einiger Fotos ist dann doch noch übrig. In ‚graueren Zeiten’ war hier sogar einmal ein Frauengefängnis untergebracht. Einige Räume sind wirklich schön hergerichtet, beinhalten Ausstellungen (z.B. riesige Scherenschnitte), Bilder, historische Sammlungen und edel verzierte Decken.

Manche stehen fast leer oder machen den Eindruck einer Baustelle. Insgesamt kann Schloss Kalmar, das der ADAC als ‚Märchenschloss’ bezeichnet, mit der gigantischen Pracht von Frederickburg in Dänemark nicht mithalten. Jedoch in dieser Region, wo nicht so viel Historisches erhalten geblieben ist, erscheint das in einem anderen Licht. Und sehenswert allemal.

Kalmar liegt schon in der Provinz Smaland und war im 13. Jahrhundert ein blühendes Handelszentrum. So wurde hier Ende des 12. Jahrhunderts die ‚Kalmarer Union’ gegründet, die Skandinavien für eineinhalb Jahrhunderte politisch zusammenschweißte.

Anders als bisher, aber auch erwartet, präsentiert sich uns in Schweden die Versorgung mit dem gebrauten Hopfensaft. In Supermärkten werden nur noch ausschließlich ominöse Behältnisse mit Dünnbier angeboten, es gibt nichts mehr über 3,5 Prozent, meistens sogar Brauseartige Substanzen um 2,5 Prozent. Muss man Bier so verdünnen? (Zwinkernd) Vor allem für bayerische und sächsische Verhältnisse ist das aber schon etwas zu farblos, und man muss dann bei der Suche nach ‚Normalbier’ den staatlichen Alkoholhandel besuchen, der als „System Bolaret“ in ganz speziellen Läden residiert. Dort gibt es (neben Hochprozentigen und Wein) dann wieder Bier um die normalen 5 % (und darüber), welches sich hier im Lande der drei Kronen namentlich als ‚Starköl’ präsentiert. Hopfensaft heißt überhaupt ‚Öl’ hier. Ein lustige Namensschöpfung, schmeckt aber auch gut, besonders die Sorten ‚Mörk’, zu Deutsch also Dunkel.

Apropos dunkel: Langsam, aber sicher merken wir die Geografische Lage, denn am Abend ist es schon bis weit nach elf noch recht hell und die Rest-Lichtspiele der Sonnenuntergänge ziehen sich bis nach Mitternacht hin. Vorausgesetzt, es schüttet nicht die Monatsniederschlagsmenge an einem Tage vom Himmel, wie uns vor Kopenhagen passiert ist. Wir übernachten im Schärengebiet zwischen dem Festland und der zweitgrößten Insel Öland (die ist immerhin 160 km lang und nur bis 16 km breit). Dazwischen man findet viele kleine Inseln und Halbinseln und wir können hier endlich das ‚Jedermannsrecht’ nutzen und an schönen Naturplätzen unter Beachtung gewisser (logischer) Regeln frei übernachten. So sollte man nicht in direkter Nähe von Häusern stehen (oder nachfragen, bei Privatbesitz) und keinen Müll zu hinterlassen ist für uns selbstverständlich. Um einen, für uns schon lange gelebten, wichtigen Satz auf Reisen anzubringen, der uns auch in amerikanischen Nationalparks schon immer gefallen hat: „Take only Fotos, Leave only Footprints!“ (Nimm nur Foto’s mit, hinterlasse nur Fußabdrücke!) Mit ein wenig mehr Hirn mancher Gäste sähe es dann an den deutschen Baggerseen nicht so chaotisch aus bzw. wäre vielleicht mittlerweile behördlich nicht „Alles Verboten!“, was vorher dort selbstverständlich möglich war. Schade drum!

Auf der nicht so dicht besiedelten Strecke können wir dann auch die ersten drei Elche bewundern, die auf den Wiesen und Lichtungen fressbares suchen. In einem blühenden Rapsfeld steht ein prächtiges Exemplar und ist ganz mit dem Studium der fetten, gelben Blüten beschäftigt.

Fährt man weiter die Ostküste rauf, findet man auf halben Weg nach Stockholm das Städtchen Västervik (‚Perle der Ostküste’ genannt) und von hier kommen auch der ABBA-Musiker Björn Ulvaeus und Tennisstar Stefan Edberg. Wir erkunden die kleine Hafenstadt …

… und dann geht es weiter nach Nyköping, wo wir am Meer ein kleines Hotel mit einem netten, jungen Team finden. Es gibt um die Ecke einen ruhigen Stellplatz und wir nutzen die Möglichkeit zum Wäschewaschen, Duschen und Einkaufen. Wir erleben, wie schon oft in diesen ‚Sommer’, ein fettes Gewitter beim Aufziehen und austoben am Hafen von Nyköping. Wir sind froh, dass uns die fetten Hagelkörner nicht unsere Dachklappe zerballern, so wie vor einem Jahr in München geschehen. So erfahren wir auch von anderen Reisenden, die aus Deutschland per Boot hierhergekommen sind, dass solche Plätze wie hier leider selten sind und Waschsalons als solche (in Nordamerika problemlos überall zu finden!) gibt es leider nicht so zahlreich in Schweden.

Wir überqueren den Götakanal, der sich zwischen den unglaublich vielen Seen hier von der Ost- bis zur Westküste zieht und Booten/Schiffen ermöglicht, auf der Wasserstraße fast jeden Platz hier zu erreichen. Diesmal sind wir nun mal als ‚alte Landratten’ mit unserer Esmeralda auf den Straßen des alten Kontinents unterwegs, aber man kann sich hier gut vorstellen, diese gigantische, mittelskandinavische Seenlandschaft auch einmal mit einem Wasserfahrzeug zu erkunden. Ein kleines Universum aus Binnenmeeren, Inseln, Halbinseln, Kanälen und Schleusensystemen.

Mitte Juli erreichen wir Stockholm, die mit Abstand größte Metropole des Nordens. Die schwedische Hauptstadt nennt sich auch selbstbewusst (wie wir mehrfach zu lesen bekommen) ‚Capitol of Skandinavia’. Nun ja. Verbunden mit Großstädten ist natürlich auch fast immer eine Ausuferung in weite Satellitenstädte um den eigentlich interessanten Kern - das Gesicht, die Vorzeigeregion solcher Orte. So auch hier. Industriegebiete, Betonsiedlungen, soweit das Auge reicht. Wir lassen unsere Reiseschildkröte wieder weit außerhalb der City stehen und müssen im Bau-Chaos der Metropolitan Area lange nach einem geeigneten Parkplatz + Bahnanschluss suchen. Das Park & Ride-Konzept klappt leider nicht immer, wie z.B. in München. Nach einiger Suche und Fragerei bekommen wir auch das richtige Tagesticket und fahren von Högdalen im Südosten bis ins Zentrum und sind dafür gerade mal 25 Minuten unterwegs. Von der Station ‚Slussen’ aus kann man die Innenstadt gut erwandern.

Schon etwas Besonderes ist die Lage von Stockholm. Die Stadt liegt am Ausfluss des Mälaren-Sees in die Ostsee und auf zahlreichen großen und kleinen Inseln (hier Schären genannt) und Buchten. Die Zahl der Inseln geht über 20.000 (!!) in der Region, deshalb wird sie auch ‚Schärengarten’ genannt und das Wasser nimmt ca. 30% der Stadtfläche ein. Die Innenstadtfläche beinhaltet 14 Hauptinseln, die mit über 50 Brücken verbunden sind.

Wir gehen von Slussen auf die Altstadtinsel Gamla Stan und die quer durchführende, berühmte Einkaufsstraße und Bummelmeile Västerlanggatan, von da aus erreicht man weiter nördlich das Königliche Schloss mit seinem üppig uniformierten Wachsoldaten.

Auf dem Wege durch die weitestgehend Autofreie Gamla Stan erreicht man Richtung Norden dann beim Überqueren des Mälarensee-Abflusses das Reichstagsufer und inmitten dieser Wasser-Stadtlandschaft wütet wieder ein Gewitter über der Stadt und schafft verrückte Lichteffekte.

Regen und Sonne wechseln sich seit Tagen ständig und stündlich ab. Wir werden mehrfach geduscht und kurz darauf ist es wieder dampfig-feucht-warm in den Straßen Stockholms. Nach einigen Runden merkt man auch hier, dass große Städte und ihre Erkundung mit jedem Kilometer immer mehr schlauchen und fahren am späten Nachmittag wieder zu unseren Ausgangspunkt in Högdalen zurück.

Auch Stockholm hat wie z.B. London und einige deutsche Städte eine ‚Innenstadtmaut’ oder Umweltzone eingeführt. Wir umfahren diese Zone und wenden uns nach Westen.

Da besuchen wir die Kleinstadt Strängnäs und ihren Dom und wandern im Naturpark ‚Lunedet’ in der Region der tausenden von Seen. Da unser Hauptziel im Nordwesten noch kommt und Norwegen als unglaublich langes Land mit riesenhafter Küstenlinie wohl viel Zeit beanspruchen wird, zieht es uns langsam aber sicher in Richtung Oslo.

Das ruhige, meist entspannte Schweden hat uns landschaftlich gut gefallen, die meisten, eher kleineren Orte gleichen sich hier aber leider baulich sehr. Es gibt (außer Kirchen) wenig wirklich Historisches zu sehen, man hat hier in den 50ern des 20. Jahrhunderts in einem Modernisierungswahn (??) vieles Alte zugunsten von raumgreifenden Betonwohnsiedlungen weggerissen.

In anderen Ländern gibt es reichlich Bumper, die für Geschwindigkeitskontrolle sorgen (und mancher Werkstatt wahrscheinlich auch Arbeit verschaffen), aber in Schweden sind es reichlich Blitzer. Es stehen zwar immer Warnschilder an der Straße bevor ein Blitzer kommt, aber in manchen Gegenden und Orten war es fast zu viele, von den sehr modernen „Bitte recht freundlich“-Starkästen. Glücklicherweise ist unsere Esmi nicht die Schnellste.

Was uns besonders auffiel, ist das hier in Schweden überdurchschnittlich viele Oldtimer, riesige amerikanische Karossen aus den 1950er und 1960er Jahren unterwegs sind, oder auch unverhältnismäßig viele neue Corvettes. Hochglanzpoliert, teils verrostet, hergerichtet, hochgezüchtet oder total auf den Hund gekommen fahren hier ‚gefühlt’ mehr „Oldtimer“ auf den sommerlichen Landstraßen herum als aktuell im Ursprungsland! Diese Spritfresser gurgeln und röhren ja schnell mal 25-30 Liter durch ihre Innereien. Erstaunlich bei Schwedens aktuellen Benzinpreisen, das die klassischen ‚Kreuzer der Highways’ noch in diesen Mengen unterwegs sind. Viele stehen auch in den Vorgärten. Pickups, Vans, geflügelte Karossen aller bekannten, großen amerikanischen Marken lümmeln im teils hohem Gras oder dösen in allem Verrostungsstadien gleich in mehrfacher Ausführung vor sich hin. Sie sind Teil eines fast künstlerisch arrangierten ‚Stilllebens’ - einer gewissen ländlichen Idylle - geworden, die es hier zwischen den weiten Weizenfeldern und Bauernhöfen durchaus noch zu geben scheint. Und schön anzusehen sind die alten PS-Klassiker allemal, wenn sie noch in Bewegung sind.

Die allgegenwärtigen, wohl als Winterfutter dienenden ‚Strohrolladen’ sind hier im wohlhabenden Norden alle mit dementsprechend großen Plastikkondomen verpackt. Liegen wie zu groß geratene Kokons in der welligen Landschaft und vermitteln aus größerer Entfernung den Eindruck eines überdimensionalen Brettspieles.

Wir sind nach Westen unterwegs. Da wird es deutlich bergiger, kurviger und Felsen durchbrechen weite Wälder. Wir verlassen die flache Seenlandschaft Mittelschwedens.

Auf nach Norwegen!

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Norwegen 07/2012