Spanien, ab 21.04.2012

Die Kunst des Reisens besteht darin,
das Fremde zu suchen und sich selbst zu finden.
© Ernst Reinhardt, (*1932), Dr. phil., Schweizer Publizist und Aphoristiker

(Karte)

Bei Ceret ist dann nach fast einer Woche und ca. 2.000 gefahrenen km die Spanische Grenze erreicht. Wir können’s ruhiger angehen und das Thermometer zeigt auch in den Tälern des Katalonischen Grenzgebirges 17 bis 20 Grad.

Da wir 2009 auf unserer ersten, großen ‚Esmeralda-Tour’ einiges in und um Barcelona und Umgebung gesehen haben, ist das eigentliche erste, intensivere Ziel für uns das südlichere Andalusien. Die teils arg zubetonierte Küste in den spanischen Urlaubsorten ist schon gewöhnungsbedürftig. Das ist nicht überall so, aber leider immer wieder anzutreffen. Man merkt auch sofort nach der Fahrt durch Frankreich, das es Spanien insgesamt finanziell nicht so gut geht wie seinem nördlichen Nachbar mit der allgegenwärtigen Trikolore.

Vieles ist schon mal ganz anders. Wir konnten wieder feststellen, dass nach einem Riesenangebot und großer Vielfalt der verschiedenen französischen Supermärkte (auch in abgelegenen Bergregionen) das Angebot in Spanien etwas dünner ist, viel weniger. An Autobahnen und Schnellstraßen merkt man immer wieder, dass es in Spanien deutlich weniger Parkplätze und Raststätten gibt. Ein Ärgernis, genau wie unsere Erfahrungen in Mexico 2006 gezeigt haben (Liegt das an dem spanischen Sprachgebiet und der damit verbundenen Mentalität??). Ansonsten wird die Landschaft auf dem Wege nach Südwesten immer trockener, die ausgedehnten Wälder verschwinden und machen weiten Orangen- und Zitronen-Plantagen Platz. Die Temperaturen steigen angenehm.

Noch eines fällt uns wieder auf (das erste Mal zeigte sich das ‚Phänomen’ bei unserer Katalonien-Reise’09 - also ist es wohl doch kein Zufall gewesen): sobald der erstaunte Reisende die Spanische Grenze überquert hat, sieht man SIE überall stehen, vor allem sitzen, meistens auf ‚modischen’ Plastikstühlchen, fast immer an den großen Einfallstraßen, oft an Kreisverkehren, Bushaltestellen, Ortseingängen. Dort, wo sich der internationale Brummi-Fernverkehr entlang bewegt, mal älter, mal jünger, grell geschminkt, viel Haut in Netzstrumpfhosen: Bordsteinschwalben überall. Manchmal sind es regional so viele Huren, die auf Freier warten, dass man(n) schon fast zu der Überlegung kommt, dass in manchen Gegenden Spaniens ein gewisser Notstand herrscht(?). Nun ja, auch eine kulturelle Nuance. Auf jedem Falle sind es deutlich mehr, als man es von der deutsch-tschechischen Grenzregion her kennt und nachdem es in Frankreich diese speziell gewerblichen Straßenszenen gar nicht gibt, ein wenig überraschend.

Wir lassen die Riesenstadt Valencia im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und fahren durch südöstliche Teile der ‚La Mancha’ Hochebene, wo vor langem Zeiten schon Don Quichotte mit seinem Knappen unterwegs war. Heute düsen Lastzüge durch die weite Landschaft und die Küste steht überall im deutlichen Zeichen des Tourismus. Im Hinterland ziehen sich immer wieder schroffe Gebirgszüge durch das Land und die Besiedlung wird spürbar dünner. Der Diesel-Treibstoff zwischen Katalonien und der Region Murcia kostet momentan so zwischen 1,36 und 1,45 Euro pro Liter und es gibt nicht so viele günstige Supermarkt-Tankstellen wie in Frankreich. Die Autobahnen an der Küste zocken den Reisenden ab, wo es nur geht, aber weiter im Landesinneren gibt es auch alternativ freie vierspurige Strecken in Richtung Süden. Noch.

Mit diesen ersten Betrachtungen und unserer Ankunft auf der Iberischen Halbinsel haben wir erst mal eine große Hauptstrecke geschafft, wir werden es jetzt ruhiger angehen. Die Möglichkeiten für Internetzugang sind ja bei so einer Tour übers Land nicht immer gegeben, (in Südasien ging das ja im Prinzip in jeden Hotel/Gasthaus). Eine vernünftige Möglichkeit, relativ ‚Europa-deckend’ einen Webstick oder ähnliches verwenden zu können, haben wir trotz längerer Suche, schon von zu Hause aus, nicht gefunden. Übrigens: Wer da eine Idee hat, kann sich gerne mal bei uns melden. Bisher heißt es, an Zeltplätzen oder bei McDonalds ins Netz zu gehen und einen speziellen Stick bzw. SimCard für jedes Land zu kaufen, dies lohnt sich nicht.

Unser erstes, richtiges Ziel, Granada, in den Bergen Andalusiens, nördlich der schneebedeckten Sierra Nevada-Kette hatten wir nach ca. 3.500 gefahrenen Kilometern in 6-7 Etappen erreicht. Man überquert eine ca. 1.400 m hohe Passstraße und sieht dann eine von Spaniens wahrscheinlich schönsten Städten vor sich im Tal liegen. Für Granada haben wir uns mal für den Campingplatz „Sierra Nevada“ entschieden, als Sicherheits- und Ausgangspunkt.

Eine Reise in die Region ohne Besuch der berühmten ‚Alhambra’ wäre schon schade und etwas verloren. Die maurische Märchenburg über der bekannten andalusischen Stadt steht für reichlich Geschichte und ist eine der schönsten, wenn nicht die schönste, architektonische Hinterlassenschaft islamischer Kultur im Europäischen Abendland. Die Alhambra wird oft bei ihren Stellenwert mit den Höhepunkten Venedigs oder Roms verglichen. Die Besucherzahlen sind erheblich und seit vielen Jahren strikt pro Tag auf einige Tausend Besucher limitiert. Das ist eine, für den Spontan-Reisenden etwas vertrackte Besonderheit, von der wir im Vorfeld schon gehört hatten. Man kann per Tel. oder im Internet Tickets vorbestellen. ABER: in unseren Falle war der Termin schwer zu planen, und die ‚Tixx’ im Net bis 6.Mai (!!) ausverkauft. Na Super. 2 Wochen warten, rum düsen? Ausgeschlossen!

Es gibt für Tagesbesucher die Möglichkeit, Restkarten morgens am Eingang zu bekommen. Wir waren am ersten Tag erst gegen 14 Uhr oben und die Alhambra ist bis 20 Uhr geöffnet. Keine Chance, alles ausverkauft. Traurig. Grundsätzlich werden auch keine Vorbestellungen für die nächsten Tage angenommen. Also, noch einen Tag bleiben, durch die Straßen Granadas ziehen…

und dann morgens am nächsten Tage schon um 8 Uhr oben am Berg beim Eingang sein – wir waren überrascht von der Riesen-Schlange. Schon ca. 200-250 Leute vor uns und von denen standen manche bestimmt schon seit 6 Uhr für die begehrten Karten an. Für uns hieß es, noch mal fast 2 (!!) Stunden warten, Spannung, Hoffen, dann war es geschafft. Wir hatten noch Karten bekommen, die bis 14 Uhr gültig sind, auf geht’s!!

Es wird schon reichlich restauriert, repariert, aber der Besuch der einmaligen Anlage lohnt sich schon sehr. Besonders der Nasriden-Palast (12. Jahrhundert!) mit seinem weltberühmten Löwenbrunnen und den feinen Steinmetzarbeiten, sowie den malerischen Gärten lohnt allen Aufwand. Leider sind wichtige Teile des Nasriden-Palastes von Bauarbeiten betroffen, die Löwen sind (laut einer Pressemeldung) gerade wieder zurück und „wie neu“, für die Öffentlichkeit zugänglich, nur noch etwas verbaut und eingebrettert in ‚ihrem Hof’.

Insgesamt ist die Alhambra eine Mischung aus vielen Epochen und Baustilen und beherbergt auch Bauwerke aus dem Islam und Christentum. Seit 1984 ist die große Anlage über den engen Gassen Granadas Weltkulturerbe der UNESCO und als Gesamtkunstwerk schwer zu übertreffen. Wir haben uns einfach treiben lassen und versucht, die vielfältigen Eindrücke in uns aufzunehmen und einiges zu dokumentieren. Man streift staunend durch die weitläufige Alhambra und macht, ohne es so richtig zu merken, viele Kilometer über Mosaikpflaster, verschachtelte Paläste und weitläufige Gartenanlagen.

Am Nachmittag merkt man dann irgendwann die Streckenlänge und ist kaum noch (mehr) aufnahmefähig und ‚Pflastermüde’, es wird Zeit für den Rückweg.

Sogar eine Biermarke gibt es schon mit dem geschichtsträchtigen Namen ,Alhambra’ - diese wird, wie wir später merkten, ausgerechnet in Cordoba, und nicht in Granada gebraut, komische Sache.

Auf dem Wege nach Cordoba durchqueren wir bergiges Hochland und überall werden Oliven angebaut. Man macht sich viel Aufwand mit den Bäumchen, denn jedes bekommt einen eigenen Hügel, wird aufwändig bewässert und das alles in teilweise extremer Hanglage. Es ist zur Monokultur geworden, die sich durch ganze Landstriche zieht. Eine schöne optische ‚Auflockerung’ sind die berühmten, weißgestrichenen, andalusischen Dörfchen und Städte, die man immer wieder in der weiten Hügellandschaft findet. So besuchten wir auf diesem Wege Alcala La Real, Priego de Cordoba und Cabra und fast immer thront auf der Kuppe des Berges eine kleine Burg oder Festung, zu deren Füssen sich pittoresk und terrassenförmig die kastenförmigen, weißen Häuser aufbauen. Die engen Gassen sind oft nichts für unsere Esmeralda, die Schildkröte bleibt „draußen“ und wir entern die verwinkelten Gässchen der Orte zu Fuß.

Die Großstadt Cordoba zeigt sich uns leider nicht von der besten Seite, eher als chaotisch – mit Tonnen Autoblech - voll zugeparkte und zugebaute City. Wir haben trotz stundenlangen Suchen kein einziges Plätzchen gefunden, um mal kurz in die Altstadt zu gehen. Ein stetiger Ausnahmezustand von in zweiter Reihe parkender Vehikel, Gedränge, Gehupe und zentimetergenauen vorbeizirkeln an Fahrzeugen, Hauswänden und Ampeln. Arme Esmeralda!

Es regnet in Strömen und der einzige Zeltplatz ist weit draußen. Dieser verlangt Unverschämtheiten für 2 Quadratmeter Stellfläche (und zu etwas anderen brauchen wir ihn wirklich nicht!!). Also wenden wir uns eher der herrlichen Berglandschaft in Richtung Süden zu, fahren über Ecija und Osuna nach Ronda. Durchatmen !!

Ronda ist einzigartig und dadurch berühmt geworden, das sich die Altstadt auf einem steilen Felsgrad entlang zieht. Die beiden Teile des Ortes werden von einer hohen Bogenbrücke verbunden und schmiegen sich an die Felsen. Alte Kirchen und kleine Paläste schaffen reichlich Fotomotive. Die Lage von Ronda lockt Busladungen von Touristen aus der nahen Küstenregion an, die mit dutzenden Bussen angekarrt werden und das alles über steile, enge Serpentinen. Die Wolken hängen bei Wetterwechsel dick in den Bergkuppen und senken die sonst angenehme Küstentemperatur von 20 auf ca. 5 Grad Celsius und es nebelt und regnet immer wieder. Trotzdem: ein außergewöhnlicher Platz, sehr sehenswert, auch die Umgebung ist echt faszinierend.

Dann ist der Weg nicht mehr weit nach Gibraltar. Die Autoschlange wartet geduldig vor der Grenzabfertigung. Der Benzin/Diesel ist in diesem kleinen Stückchen Vereinigten Königreich noch mal 10-13 Eurocent günstiger, und neben den vielen Spaniern nutzen wir dies auch zum Füllen des Tanks aus, klar. Die kleine Stadt am berüchtigten ‚Affenfelsen’ ist extrem eng und zugebaut, nirgends ist Platz. Leider schüttet es bei uns meist in Strömen und das in Bindfäden waagerecht, so dass wir uns den Weg auf den Berg leider sparen müssen. Der Flugplatz und die Landebahn, die wir bei Freigabe überqueren, nehmen wir natürlich mit, kaum ein Airport, wo man mal mit dem eigenen Fahrzeug quer über die Landebahn brettern kann, skurriles Erlebnis und Spaß für die Besucher.

Durch das nasse Wetter (die Prognose war leider auch schlecht) blieb Gibraltar für uns ein Kurzbesuch. Später in Tarifa waren wir dann in dem südlichsten Ort Europas angekommen. Das Wetter war uns ein wenig besser gesonnen und der Blick rüber nach Marokko frei.

Gar nicht mehr weit - da kommt man schon fast in Versuchung(!!), aber wir haben jetzt Europa geplant und sollten wir mal diesen Weg rüber nach Afrika einschlagen, dann sicher nicht für einige Schnupperstunden oder Tage, sondern ein ‚wenig’ länger. So bleibt es beim beobachten der Hafengeschäfte und dem Zusehen der schnellen Fähren ins nahe marokkanische Tanger oder zurück auf den ‚alten Kontinent’. Das alles verbunden mit Bilderbuch-Aprilwetter, Regensturm und Sonne im wilden Wechsel.

Von seiner besseren Seite zeigte sich uns die große Hafenstadt Cadiz, die schön auf einer Halbinsel liegt. Die Stadt liegt in einer riesigen Bucht und ist umrahmt von umfangreichen Hafenanlagen und erreichbar über gewagte Brückenkonstruktionen und einer Schnellstraße inmitten von Salzmarchen.

Fährt man dann weiter durch die ‚Neustadt’ Richtung Norden und zum Ende der Halbinsel, dann erreicht man die Altstadt mit großer Stadtmauer. Innerhalb der Mauern sieht man eine der schönsten Kathedralen der Region und direkt an der Strandpromenade gelegen mit mal wieder viel Wind, Sand und Meer. Mit Sonnenschein sieht das Ganze doch schon wieder ganz anders aus. Mal ein schöner Tag in dem spanischen Tor zu Afrika, denn hier legen die ganz großen Schiffe, Frachter und Kreuzfahrtpötte an und ab. Der Handel hier pulsiert mit dem schwarzen Kontinent und man findet Raffinerien, viel Industrie, Güterverkehr, ‚zig’ Hotels und das volle ‚Großstadtprogramm’. Aber Cadiz wirkt auf uns heute sauber und relaxt - vielleicht liegt es ja auch am Sonntagnachmittag.

Für die nächste Zeit reicht es uns trotzdem erst mal mit Großstädten und wir düsen langsam nach Norden, zur Portugiesischen Grenze, nicht ohne in einen Stau zu kommen, denn die Polizei kontrolliert stichprobenartig an der Autobahn und hält den ganzen Verkehr auf. Wir erfahren, das Spanien vorübergehend das ‚Schengener Abkommen’ außer Kraft gesetzt hat, und nun muss man gleich kontrollieren, was das Zeug hält. Am letzen Apriltage, abends, überqueren wir die große Brücke über den Rio Guadiana und kommen nach Portugal.

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Portugal 05/2012